Vom Arbeiterkind zum Akademiker

Warum versucht jemand aufzusteigen, was ist das Motiv dahinter? Wie hier im Blog ja schon mehrfach festgestellt wurde, ist Aufstieg, zumindest kein weiter, nicht zwangsläufig ein Ziel aller sozialen Klassen. Ich bin dieser Frage bin in meinem Masterstudium mit statistischen Auswertungen nachgegangen. Professor El-Mafaalani geht der Sache mit persönlichen Interviews auf den Grund. Wobei er allerdings noch speziell auf Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund eingeht.

Er stellt dabei fest, dass es kein klassisches Aufstiegsmotiv, wie Geld oder Macht gibt. Dazu kann man auch ohne Bildung kommen. Vielmehr zeigt sich eine Bereitschaft sich selbst zu ändern, die als Voraussetzung gelten kann, sich selbst zu hinterfragen und dem Bedürfnis nach Veränderung zu folgen. Ein feststehender Plan ist ebenfalls nicht feststellbar. Dies würde auch Wissen voraussetzen, die in Familien ohne akademischen Hintergrund einfach nicht vorhanden sind. So wird jeder Abschnitt für sich gesehen. Dabei stehen immer die Unsicherheit und das Risiko des Scheiterns im Raum (vgl. El-Mafaalani, 23ff).

Der soziale Aufstieg hat nachhaltige Folgen für die Personen. Eine Abgrenzung zum Herkunftsmilieu und damit auch vom eigenen, früheren Verhalten. Gleichzeitig wird durch den Mangel an „richtigem“ Habitus der Anschluss an höhere Milieus immer unvollständig bleiben. Das soziale Kapital, dass man sich in seinem Herkunftsmilieu angeeignet hat wird durch den Aufstieg wertlos (vgl. El-Mafaalani, 25ff).

Interessant ist die Rolle von „sozialen Paten“ (El-Mafaalani, 27) aus höheren Milieus, die Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Perspektiven geben und diese aufzeigen (vgl. El-Mafaalani, 27). Sie zeigen sozusagen den Weg und geben die Rückversicherung, dass es machbar ist.

Die Anforderungen an die Fähigkeiten, die El-Mafaalani feststellt sind sehr hoch. Dauernde Veränderungen und Brüche in der eigenen Biographie müssen sinnvoll in einen Deutungszusammenhang gebracht werden, Frustration, Unsicherheit müssen ausgehalten werden und man muss sich dauernd auf neue Umstände einstellen, auf die man wenig vorbereitet ist. Er betont dabei vor allem die Fähigkeit mit der Trennung vom Herkunftsmilieu und damit der Trennung von Freundschaften, sozialen Netzwerken und der Veränderung der eigenen Persönlichkeit fertig zu werden. Eine Stabilisierung erfolgt meist erst nach dem Übergang in Beruf (vgl. El-Mafaalani, 38ff). Somit gilt es eine durchaus lange Zeit der Unsicherheit und des steten Wandels erfolgreich zu bewältigen.

Vor allem wenn man bedenkt, dass viele wenig Unterstützung durch Eltern oder Lehrer erfahren (vgl. El-Mafaalani, 42f). Was aber aus deren Sicht vielleicht auch verständlich ist. Wie ein Professor von mir mal sagte, man will sich ja noch mit seinen Kindern unterhalten können. Die Trennung vom Herkunftsmilieu betrifft ja nicht nur den Aufsteiger, sondern auch alle die „zurückbleiben“.

Interessant finde ich noch den Befund, dass die Befragten ihre Probleme nicht direkt mit dem sozialen Aufstieg in Zusammenhang bringen. Bevor ich Soziologie studierte und mich näher mit der Forschung zum Zweiten Bildungsweg beschäftigte, war mir das auch nicht so klar. Wobei das ja auch ein Grund war, in diesem Gebiet zu forschen. Dabei gab es viele Aha-Effekte, die sich auch in dieser Studie wiederfinden. Ob das jetzt für jemanden persönlich besser ist, es zu wissen oder nicht sei mal dahingestellt.

Literatur: El-Mafaalani, Aladin 2012: BildungsaufsteigerInnen aus Benachteiligten Milieus: Habitustransformation und Soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bookmark the permalink.

2 Responses to Vom Arbeiterkind zum Akademiker

  1. Heinrich Lohmeier says:

    Es ist nichts Neues, was Sie da durch wissenschaftliche Forschung untermauert haben. ich kann vieles aus meiner eigenen Biographie durchaus verifizieren. Für mich wirkt dieser Übergang vom Arbeiter- in das akademische Milieu bis in mein hohes Alter nach. Ich bin inzwischen 83 Jahre alt
    und „passe“ auch heute noch bei Pensionärstreffen nicht ganz in das Milieu meiner ehemaligen Kolllegen hinein. Das ist vielleicht nicht verwunderlich, denn ich habe nach der Realschule erst notgedrungen eine Lehre als Klischeeätzer gemacht. Den Beruf gibt es schon längst , wie den gesamten Buchdruck, nicht mehr. Weil ich immer aus dieser Situation hinaus wollte, habe ich 1962 in Düsseldorf am neu eingerichteten Riehl-Institut zur Erlangung der Hochschulreife für Handwerker das Abitur nachgemacht und anschließend Englisch und Erdkunde für das Lehramt an Realschulen studiert und von 1969 bis 1974 an solchen Schulen unterrichtet. Von 1971 – 1973 habe ich dann neben meiner Lehrertätigkeit das Studium für das Staatsexamen weiter betrieben und gleich eine Stelle an einem ehemaligen altsprachlichen Gymnasium bekommen. Das war noch einmal ein Sprung in eine ganz neue Welt. Aber Steine hat man mir nicht in den Weg gelegt. Ich bin lange Jahre Vorsitzender der englischen Fachschaft gewesen. Man hat mich ein Jahr nach England zum Austausch ziehen lassen, und ich habe 16 Jahre lang insgesamt 7 Austausche mit einer Hiighschool in Utah machen können. Aber eine Art von Aussenseiter bin ich immer geblieben, obwohl ich mit einigen Kollegen durchaus „gut konnte“. Allerdings war die Schulleitung überrascht, als ich bei einer Projektwoche angeboten hatte, Tiffanylampen für die neue Cafeteria mit einer Schülergruppe zu machen. Die Frage war:“Können Sie das denn?“ Ich bin den Eindruck nicht losgeworden, das man meine intellektuellen Fähigkeiten gegenüber meinen handwerklichen nicht zu hoch einschätzte. Aber vielleicht tue ich den Kollegen damit auch Unrecht. Wann hatten die meisten überhaupt mit einem Handwerker mit 7 Jahren Berufserfahrung und einer ihrer eigenen akademischen Ausbildung gleichwertigen zu tun gehabt? Das ist wirklich alles ganz schön, das nachträglich aus einer Perspektive eines gut versorgten Pensinärs betrachten zu können. Es lässt einen jedoch die Einsamkeit, die Selbstzweifel, die depressionsartigen Zustände nie ganz vergessen. Ohne gute Menschen, die mir immer wieder Mut gemacht haben, wäre ich wahrscheinlich gescheitert.
    Da sind meine Grosseltern, die mich 1947 auf die Realschule gehen liessen, obwohl das damals noch 10,00 Mark Schulgeld kostete. Ich war nach dem Tod meiner Mutter seit 1945 sozusagen Vollweise, weil mein Vater als Spätheimkehrer erst 1949 aus polnischer Gefangenschaft zurückkehrte. Da war die Nachbarin, eine ehemalige Volksschullehrerin, die mir die Bücher ihrer Kinder auslieh. Alles Weitere verdanke ich zu grossen Teilen meiner Familie und meiner Frau. Unsere beiden Töchter sind übrigens beide Akademiker. Also ein Aufstieg einer Familie aus dem Arbeitermilieu in 2 Generationen.

    • soziobloge says:

      Vielen Dank für diesen wundervollen Kommentar. Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Leistungen. Unter so schwierigen Bedingungen, war das sicher nicht einfach. Umso besser, dass es Menschen gab, die Sie unterstützt haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.