Berufliche Kompetenzen und Perspektiven nach dem Soziologie-Studium

Wenn man sagt, man studiere Soziologie, kommt meist die Frage, „und was macht man damit?“. Bei Personalern schaut man da auch schon mal in Augen mit Fragezeichen. Was dabei gerne vergessen wird, ein Studium ist primär keine Berufsausbildung, wie sie im dualen Ausbildungssystem betrieben wird. Ich habe eigentlich von jedem Informatiker gehört, und ich kenne recht viele, dass sie das im Studium erlernte nachher kaum mehr benötigten. Gerade in der IT Branche, wo sich innerhalb von wenigen Jahren die Technik so rapide ändert, ist so manches Gelernte sehr schnell nutzlos. Da geht es dann eher darum, dass man ein Grundverständnis von etwas hat und sich neue Felder und Technologien schnell erarbeiten kann.

Und wenn es darum geht, sich ein Feld zu erarbeiten, dann ist eben auch und vielleicht gerade ein Soziologiestudium dazu geeignet eine solche Fähigkeit zu erlernen. Sofern sie nicht eh schon vorher vorhanden war. Auf jeden Fall erleichtert das die Sache ungemein.

Ich habe mal eine Umfrage bei Twitter gemacht und gefragt, welche Kompetenzen man denn so im Soziologiestudium erlernt. Heraus kam die folgende Liste, die sich doch gar nicht mal so schlecht liest.

  • Dinge hinterfragen und durchdenken
  • Flexibel zu sein und schnell auf veränderte Bedingungen zu reagieren
  • Gruppendynamik erkennen und damit arbeiten
  • Soziale Strukturen erkennen
  • Komplexe Sachverhalte erfassen
  • Unbeabsichtigte Nebenfolgen von Handeln etwas besser erahnen
  • Beobachtungsgabe
  • Selbstverständliches hinterfragen -> Innovation
  • Schnell in Neues einarbeiten, Zügig und gründlich in Dinge einarbeiten
  • Neue Arbeitssituationen rasch strukturell durchdringen.
  • Schreiben
  • Perspektiven wechseln
  • Kommunikationsprozesse analysieren & evaluieren
  • Schnell Probleme/wichtige Faktoren identifizieren und klar benennen
  • Lösungsstrategien entwickeln
  • Daten analysieren

Man sieht also, Soziologen sind flexibel, erfassen schnell komplexe Sachverhalte, können sich auf neue Situationen einstellen und Menschengruppen, Kommunikation, Organisationen und Daten analysieren.

Wenn man mal so darüber nachdenkt, ist das doch genau das, was immer von Arbeitnehmern in der digitalen Arbeitswelt von Heute gefordert wird. Zudem ist Soziologie von der Themenvielfalt enorm breit aufgestellt. Die Wirtschaftssoziologie beispielsweise, die eben auch die Menschen und deren Verhalten am Markt und in Betrieben berücksichtigt. Oder die Techniksoziologie. Gerade letztere sollte in einer Welt, in der unser tägliches Leben von Technik bestimmt wird, eigentlich eine viel größere Bedeutung haben. Und wenn man von der Analyse von Daten redet, kommt sicher so manchem Big Data in den Kopf, auch ein Feld, in dem Soziologen aktiv sein können. Gerade bei so großen Datenmengen ist eine gut durchdachte Vorgehensweise von Vorteil.

Auf der Seite Soziologie ist mehr als Taxi fahren, kann man sich ein Bild von den Berufen machen, die von Menschen ausgeübt werden, die mal Soziologie studiert haben. Hier ist mir das Profil von Nils Kubischok aufgefallen, der Requirements & Usability Engineer geworden ist. Er hat Techniksoziologie studiert und sagt selbst, dass man in der IT langsam merkt, dass man eben nicht unabhängig von der Gesellschaft vor sich hin werkelt, sondern, dass am anderen Ende der Technik eben Menschen sitzen und eine soziologische Sicht hier zunehmend wichtig wird.

Aber auch sonst sind alle möglichen Berufe dabei. Über den klassischen Wissenschaftler, Marktforscher über Projektleiter oder Consultants bis zu Journalisten.

Ein Professor von mir sagte einmal, Soziologie sei kein Studium für jemanden, der Lehrer an seiner alten Grundschule werden will. Das heißt, es gibt keinen vorgezeichneten Weg. Soziologie ist da eher das Abenteuer. Seinen Weg muss man selbst finden und gestalten. Eben durch andere Aktivitäten und Interessen außerhalb des Studiums, sofern man mal die klassische Wissenschaftskarriere ausklammert.

Das macht die Sache natürlich interessant und spannend, aber eben auch unsicherer. Es gibt halt keine Jobbezeichnung die man einfach in die Suchmaschine eintippt und dann kommt dabei etwas heraus. Man muss selbst herausfinden was man will und dann sehen, was muss man tun um da hin zu kommen. Und wie man sowas anstellt, das sollte man eben im Studium gelernt haben.

Während der Umfrage kam noch der Einwand, dass man das, was man im Soziologiestudium an Kompetenzen lernt, auch in jedem anderen Studium erlernen kann. Da stimme ich eingeschränkt zu, Selbstorganisation und eigenverantwortliches Erarbeiten von Themenfeldern sollte in jedem Studium gefördert werden, doch sollte man dabei nicht die Ausrichtung des Fachs vernachlässigen. Wir haben es immer mehr mit sozialen Organisationen und Gruppen zu tun. Die Sichtweise auf Menschen und Gesellschaft unterscheidet sich sehr stark je nach Studienfach. Falls Menschen und Gesellschaft überhaupt ein Thema sind. Wirtschaftswissenschaftler sehen Menschen komplett anders. In technischen Studienfächern kommen Menschen überhaupt nicht, oder maximal am Rande vor. Daher sehe ich da durchaus Potential für Soziologen in vielen Branchen eine passende Stelle zu finden, sofern die Bereitschaft und das Interesse da ist, sich dort einzuarbeiten und zu gestalten.

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One Response to Berufliche Kompetenzen und Perspektiven nach dem Soziologie-Studium

  1. Daniel (Soziologe) says:

    Meiner Meinung [also: mein Hypothese 😉 ] nach – und das betrifft fast alle gesellschafts-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Studienfächer – wird die Frage „und was macht man damit“ wirklich nicht richtig gestellt und bearbeitet.

    Der Informatiker – um beim Vergleich zu bleiben – erlernt Grundfähigkeiten, mit denen er nachher „Tätigkeiten für andere tun“ kann (nämlich Programme schreiben, die andere Menschen benötigen) und damit auch für den Arbeitsmarkt (als solidarischem Markt des binnendifferenzierten Austauschs von Leistungen) anschlussfähig ist. Die GesKulGei-Absolventen bekommen dagegen oft den Eindruck vermittelt – von Professoren und Professorinnen, die sich meist selbst nicht auf dem regulären Arbeitsmarkt bewähren mussten -, man lerne eben nur aus Lernzwecken, quasi aus einem absolut selbstreferentiellen Grund („für sich sebst“, „für die Wissenschaft“ oder „für die Kompetenzen“). Dabei wird das Verständnis nicht vermittelt, dass eine arbeitsteilige Gesellschaft so funktioniert, dass sich alle an den anderen orientieren müssen. Also eigentlich müsste die Frage präzesiert und auch dringlich zur Reflexion an die Studenten und Studentinnen herangetragen werden: „was macht man damit FÜR ANDERE?“. Weil das nicht stattfindet, gibt es bei vielen Absolventen am Ende große Orientierungslosigkeit, viel unglückliches herumgeier, ausweichen in völlig unerwartete und nie gewollte Berufe, bis hin zu dem geäußerten Wunsch, jetzt auf einmal doch „eine gute Partie heiraten“ zu wollen.

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