Soziale Klassen und Ambition

Keller und Zavalloni sehen sich mit der Schlussfolgerung aus vorangegangenen Studien konfrontiert, dass Menschen aus der Unterschicht weniger Wert auf eine höhere Schulbildung legen und weniger ambitioniert sind als aus der Mittelschicht. Sie kritisieren die Methodik der Studien, die diese Ergebnisse aus Angaben zu beruflichen Zielen schlussfolgert. Daraus ließe sich leicht schließen, dass die Unterschicht wenig hat, weil sie wenig will (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 58f).

Sie setzen das Konzept der „relativen Distanz“ dagegen. Dies bedeutet, dass die Varianz der Klassenspezifischen Aspiration nicht auf unterschiedliche Aspiration der jeweiligen Mitglieder der Klassen zurückzuführen ist, sondern auf die Nähe der Klasse zu einem bestimmten Ziel. Keller und Zavalloni unterscheiden zwischen der Ambition und dem Ziel. Die Ambition beinhaltet einen strukturellen und einen persönlichen Anteil. Der Strukturelle Anteil der Motivation ist der relative Abstand der Herkunftsklasse zum Ziel. Beispielsweise ist die benötigte Motivation ein Gymnasium zu besuchen für die Unterschicht höher als für die Mittelschicht, da diese mehr Ressourcen hat um das Ziel zu erreichen. Die persönliche Komponente beinhaltet die individuellen Voraussetzungen des Einzelnen. (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 60).

Das Ziel selber hat ebenso zwei Dimensionen. Eine absolute, die auf gesellschaftlichen Normen beruht, wie hoch ein Ziel allgemein angesehen ist, und eine relative, die das Ansehen des Zieles in der sozialen Klasse beschreibt, was wiederum vom relativen Abstand von Klasse und Ziel abhängt.

Darauf basierend kann man annehmen, dass die unteren Klassen weniger angesehene Ziele verfolgen, obwohl ihre Motivation auf individueller Ebene nicht geringer ist als in den höheren Klassen (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 60f).

So kann man die empirischen Ergebnisse, dass die unteren Klassen weniger auf höhere Bildung Wert legen als die höheren Klassen, damit erklären, dass letztere näher zu höherer Bildung stehen, dass es in der Mittelschicht quasi zu einer Norm wurde, das Gymnasium zu besuchen. Man benötigt also dort keine hohen Ambitionen, da man praktisch nur den Status, den man hat, behält. In den unteren Klassen kann man schon mit weniger Bildung den Status halten oder gar verbessern. Das gleiche gilt für die beruflichen Ziele. Wobei diese ja schon durch die schulische Bildung sehr determiniert sind (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 62f).

Um eine Rangordnung der Ziele zu entwerfen, gehen die Autoren davon aus, dass man frei verschiedene Ziele verfolgt: Geld, Ansehen und Macht. Teilweise kann man nicht alle drei Ziele gleichzeitig erreichen. Beispielsweise hat ein Professor vergleichsweise wenig Geld aber viel Ansehen, während andere vergleichsweise viel Geld haben aber wenig gesellschaftliches Prestige. Es wurde in Studien festgestellt, dass die unteren Schichten eher Wert auf die monetäre Seite legen, während die oberen Schichten eher Wert auf das Prestige legen. Dies erklären sie damit, dass man erst eine gewisse materielle Sicherheit benötigt, um nach Ansehen oder Macht zu streben. Diese materielle Sicherheit ist aber eher in den oberen Schichten gegeben. Daher können sie es sich leisten, nach Berufen zu streben, die mehr Prestige bieten und teilweise auch mehr materielle Investitionen in die Ausbildung. (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 64).

Dies spiegelt sich auch darin wider, dass die unteren Klassen vor allem auf soziale Sicherheit bedacht sind. Diese ist durch die Gefahr von Arbeitslosigkeit, die dort höher ist als in den höheren Klassen, nicht voraussetzbar. Daher hat ein gewisses Maß an monetärer Sicherheit einen so hohen Stellenwert. Zwar ist es kein explizites Ziel, doch spielt es eine latente Rolle bei den Entscheidungen in Bildung und Beruf . Wenn man also die Aspiration der einzelnen sozialen Klassen vergleichen, so muss man sich ansehen, wo sie relativ zum Ziel stehen, welche Dimensionen (Geld, Ansehen, Macht) das Ziel verspricht und welche latenten Ziele eine Rolle spielen, sowie deren Ranking innerhalb der sozialen Klasse (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 65f).

Daraus folgt, bei gleicher Anstrengung und unterschiedlichem sozialen Startpunkt wird die Belohnung dafür unterschiedlich sein. Wer aus den unteren Schichten kommt und monetäre Sicherheit erreicht hat, hat damit nicht automatisch soziales Prestige, während jemand aus der Mittelschicht mit gleicher Anstrengung an eine Position kommt, in der er Geld und Anerkennung bekommt. (vgl. Keller / Zavalloni 1964, 66).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Unterschiede der sozialen Klassen nicht auf unterschiedlichen Ambitionen beruhen, sondern auf der relativen Entfernung zu einem bestimmten Ziel. Gleichzeitig spielen die sozialen Normen innerhalb der Klasse eine Rolle. Was wird dort als erstrebenswert und als erreichbar angesehen. Dies geschieht unabhängig von der allgemeinen Wertschätzung des Ziels. Die drei Dimensionen Geld, Prestige und Macht werden von den Klassen unterschiedlich bewertet und sind auch unterschiedlich verteilt. Diese Variablen müssen also bei der Erforschung und Bewertung von Klassendifferenzen berücksichtigt werden.

  • Keller, Suzanne; Marisa Zavalloni 1964: Ambition and Social Class: A Respecification. In: Social Forces, Vol. 43, Nr. 1, 58-70.

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