Einfach mal die Fresse halten, solidarisch sein, machen und mal entspannen

Der Advi hat einen Artikel geschrieben und  die Vrouwelin hat dazu etwas ergänzt. Und jetzt möchte ich dazu auch noch etwas sagen.

In ersterem Artikel geht es darum, nicht nur irgendwelche Rechte für Minderheiten einzufordern und ansonsten halt zu jammern, dass man dies oder jenes nicht machen kann, oder dafür kritisiert wird, sondern man soll es halt machen. Das bedeutet natürlich auch, diese Kritik, die von anderen kommt auch auszuhalten. Gleichzeitig wird man damit aber auch Leute erreichen, und ich denke das ist die Mehrheit,  die durch Kontakt damit erkennen, dass man auch nur ein „normaler“ Mensch ist.

Dazu scheibt er als Antwort auf die Fragen in den Kommentaren:

„Der ganze Backlash kommt von diffusen Ängsten, diffusen Ansprüchen und zu viel indirekter Kommunikation. Ich habe eine Flüchtlingsklasse unterrichtet, das einzige was ich daraus gelernt habe ist: sind auch nur Schüler. Diese Erfahrung ist die Basis von gesellschaftlicher Veränderung.“

Das beschreibt auch recht gut das Phänomen, dass in Gegenden in denen kaum Ausländer wohnen, die Ablehnung gegen diese besonders groß ist.

Ich habe mich in meinem Leben schon in diversen Subkulturen rumgetrieben und so einige  „komische“ Leute kennengelernt. Und alle waren genauso nett oder doof wie alle anderen auch. Kommt jetzt eine andere Person mit einem noch unbekannten Lebensmodell daher, denke ich mir nur, schön, wenn es glücklich macht.

In den Kommentaren kam ebenso eine Frage bezüglich Verhaltensweisen, die zur Zeit noch strafbar sind. Und da kommt einem auch die Soziologie zur Hilfe, die besagt, dass Kriminalität die Gesellschaft einerseits stabilisiert und andererseits auch Fortschritt bringen kann*. Als Beispiel fällt mir da immer der Abtreibungsparagraph und die Demonstrationen dagegen ein. Dort wurden irgendwann Transparente hochgehalten, auf denen stand „Ich habe abgetrieben“. Damit wurde verdeutlicht, dass es gerade kein Einzelfall ist, sondern illegal schon gemacht wird und dabei mehr Leid entsteht, als durch ein Verbot verhindert würde. Wenn ein Gesetz nicht durchgesetzt wird oder werden kann, so verliert es seine Legitimation.

Soweit unterstütze ich die Idee, einfach zu mache. Ich bin ja immernoch der vielleicht etwas weltfremden Meinung, dass Deutschland ein Land ist, in dem man einfach alles machen kann, was nicht gegen Gesetze verstößt, oder anderen schadet und jedes Lebensmodell möglich ist. Das ist für mich der Unterschied zwischen einer liberalen Demokratie und einer Diktatur einer Mehrheitsmeinung. Sei es religiös oder anderer Art.

Kommen wir nun zu einem weiteren Aspekt, den die Vrouwelin eingebracht hat, und der bei Advi nur implizit auftaucht. Die Empathie, oder halt die Fähigkeit, trotz eigener Vorbehalte, wenigstens Verständnis aufzubringen. Und der Preis des einfach machens kann natürlich schon hart sein, wenn das eben nicht der Fall ist und unempathische Leute an den falschen Stellen sitzen, die einem das Leben kaputt machen können. Deswegen ist Empathie und Solidarität wichtig. Auch mit Menschen, deren Lebensmodelle nicht die unseren sind.

Beim lesen des Artikels fiel mir ein, wie die Diskussionen in den sozialen Medien ablaufen. Gerade jetzt zur US Präsidentenwahl wurde mir das nochmal bewusst. Wenn ich an die Diskussionen in den (sozialen) Medien denke, dann sehe ich dort recht wenig davon. Mein Eindruck ist, dass jeder seine feste Meinung hat und denkt, die ist richtig und jeder der nicht der eigenen Meinung ist, ist ein Nazi, Sexist, Feminazi, you name it. Dabei brüllen sich alle gegenseitig an und beschimpfen sich und werfen der Gegenseite vor andere zu beschimpfen. Eine kleine Übersicht dazu findet sich bei Stephan Humer. Und das ist, nach allem was ich so mitkriege eben genau das, was ankommt. Die wollen mir vorschreiben wie ich zu leben habe und mir meine Rechte auf irgendwas nehmen, während andere welche bekommen.

Was mir dazu gerade spontan beim Schreiben einfällt wäre Rollendistanz. Alle müssten mal einen Schritt zurück treten und sich die Sache, wie bei einer Fernsehwiederholung eines Zwischenfalls, anschauen.

Ich mag mich täuschen, aber mein Eindruck ist, dass eine Welle an Medieninhalten auf uns alle einprasselt, deren Kernbotschaft ist, du musst dies und das machen sonst machst du alles falsch in deinem Leben.  Die Botschaft ist eben nicht, leb dein Leben wie es dir gefällt, sondern lebe dein Leben „richtig“. Und was genau jetzt „richtig“ ist, bestimmen wir. Wer auch immer dann „wir“ ist.

Was mich nervt sind Leute, die andere dafür kritisieren, dass sie intolerant seien und gleichzeitig stempeln sie andere Leute mit akademisch klingenden Schimpfwörtern ab und sind selbst nicht zum Dialog bereit. Mir kommt es vor, als wenn es nicht um Inhalte, sondern um die Form geht. Etwas, was niemand aus der Arbeiterklasse jemals verstehen würde. Dort hält man nichts von „hochgestochen um den heißen Brei rumreden“. Man kann das sicher in akademischen Kreisen tun, doch wenn Leute außerhalb der akademischen Filterbubble (eigentlich auch eine moderne Bezeichnung für Elfenbeinturm) erreiche möchte, dann ist das nicht von Vorteil eine eigene Sprache zu haben, die von der Zielgruppe nicht verstanden wird.

Im Prinzip reden alle aneinander vorbei und beschuldigen sich gegenseitig, dass die Gegenseite ihnen ihren Lebensstil aufzwingen will. Und am Ende wundert man sich, warum Politiker Erfolg haben, die zumindest vorgeben einen zu verstehen und zuzuhören.

Womit wir wieder bei der Empathie wären. Ich glaube, der größte Fehler ist, zu glauben, dass die eigene Weltanschauung so gut und perfekt ist, dass sie jeder ohne Erklärung einsehen muss. Tut er das nicht, ist er einfach zu doof dafür. Schaut man sich die soziale Welt auf diesem Planeten an, so ist das aber nur sehr selten der Fall.

Wenn euch jemand als dumm bezeichnet weil ihr seine Meinung nicht teilt, dann werdet ihr doch sicher nicht sagen, ja stimmt da hat er recht, ich bin total doof. Nein, wenn ich jemanden überzeugen will, dann muss ich ihm das Gefühl geben, dass ich ihn auch ernst nehme. Erst auf dieser Basis kann ein Dialog funktionieren. Solange aber jeder als „Nazi“ beschimpft wird der es gar nicht ist, führt das nur zu einer Abstumpfung. Denn diese Bezeichnung ist einfach nur eine Methode um die Kommunikation abzubrechen.

Um mal ein Beispiel zu nennen, wenn linke Wohlstandskinder mir als weißem Mann, der als Arbeiterkind aufgrund seiner Herkunft nicht zum Gymnasium konnte, und dann über den Zweiten Bildungsweg  mühsam und Zeitraubend schließlich doch noch zur Uni kam, erklären, ich solle mal meine Privilegien checken, dann komme ich mir etwas veralbert vor.

Das soll jetzt kein Rant gegen Linke oder Akademiker allein werden. Ich kenne beide Welten und weiß, wie jedweils über die andere gedacht wird. Das Thema ist auch wesentlich komplexer und vielschichtiger, als ich es hier darstellen kann. Das ist nur eine Ebene, die mir gerade aufgefallen ist. Gerade auch im Zuge der US Präsidentenwahl, wo ich Trump Wähler und Nichtwähler und ihre Ansichten in meiner eigenen Filterbubble beobachtet habe. Auf allen Seiten scheint mir ja im Moment nichts unter „Nazi“, „Teufel“ und „Apokalypse“ zu laufen. Dass eben nicht alles so schlimm und dramatisch ist, was so gezeigt wird, kann man hier nachlesen.

Von daher kann ich „Einfach mal die Fresse halten, solidarisch sein und  machen.“  nur unterstützen und dazu noch ergänzen, einfach mal entspannen.

*Das soll jetzt kein Aufruf dazu sein gegen Gesetze zu verstoßen, oder Kriminalität als gut hinstellen. Das Thema ist deutlich komplexer als ich es hier ausführen kann und bezieht sich nur auf die akademisch, soziologische Analyse der gesellschaftlichen Funktionen und Wirkungen im politischen Diskurs.

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