Berger / Luckmann: Gesellschaft als subjektive Wirklichkeit

Berger und Luckmann beschreiben, wie die Integration eines Individuums in die Gesellschaft, ihrer Theorie nach abläuft. Dabei wird die Gesellschaft und deren Wirklichkeit internalisiert. Sie sehen Gesellschaft als „dialektischen Prozess“, der aus den drei Komponenten Externalisierung, Objektivation und Internalisierung besteht (Berger / Luckmann, 139). Die Internalisierung findet in der primären Sozialisation statt. Darin wird der Mensch in die Gesellschaft integriert, in dem er die Regeln lernt. Dies geschieht, in Anlehnung an Mead, durch signifikante Andere (vgl. Berger / Luckmann, 141). Die primäre Sozialisation endet mit der erfolgreichen Internalisierung aller Regeln und der Vorstellung eines generalisierten Anderen, also der Verallgemeinerung der Regeln, die das Individuum durch die signifikanten Anderen vermittelt bekommen hat. Continue reading

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Gründe für oder gegen Kinder

Welche Faktoren spielen eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen Kinder? Wann wird ein Paar für ein zweites oder drittes Kind entscheiden. Wassilios Fthenakis hat dazu eine qualitative Panelstudie durchgeführt. Hier ein paar Ergebnisse.

Die Zahl derjenigen, die wirklich keine Kinder haben wollen, liegt bei ca. 5% (vgl. Pfundt, 15). Die Frage ist, was einen Teil der restlichen 95% davon abhält überhaupt Kinder zu bekommen oder es bei einem Kind zu belassen? Das hängt von einer Reihe von Faktoren ab, die in einem sehr komplexen Verhältnis zueinander stehen. Neben den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen spielen auch noch individuelle Einstellungen und Präferenzen eine Rolle (vgl. Fthenakis, 199).

Heutzutage werden Kinder nicht mehr als Altersvorsorge angesehen. Kinder sollen dem eigenen Leben einen Sinn geben, oder gesellschaftliche Anerkennung bringen. Allerdings sind Kinder auch ein Kostenfaktor. Zum einen durch direkte Kosten für Essen, Kleidung usw., zum anderen, besonders für Frauen bedeutsam, durch die Kosten in Form von Einkommensverlusten durch die Unterbrechung der Berufstätigkeit. Bei zwei Kindern sind 80% der Mütter nicht mehr berufstätig, zwei Drittel davon würden aber gerne wieder arbeiten. Je besser die Ausbildung und der berufliche Status einer Frau ist, desto höher sind diese Kosten in Form von Einkommensverlusten. Zudem wird das Ausscheiden aus dem Beruf oft als soziale Isolation erlebt. Weitere Kosten sind die psychische und physische Belastung durch die Betreuung des Kindes, sowie die Belastung der Paarbeziehung. Die Einschätzung der Belastung beruht bei kinderlosen Paaren vor allem auf den Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und bei Eltern auf den Erfahrungen mit den bereits vorhandenen Kindern (vgl. Fthenakis, 200f).

Durch die Komplexität der verschiedenen Einflussfaktoren lassen sich nur bedingt verlässliche Aussagen über die Größe der jeweiligen Einflüsse machen. Dazu müsste man einen großen Zeitraum in einer Studie abdecken. Dies ist aber meist aus forschungspraktischen Gründen nicht der Fall (vgl. Fthenakis, 204).

Die Ergebnisse der LBS-Familienstudie zeigen, dass der Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes vor allem von der Ausbildungsdauer der Frau abhängt. Dies hängt damit zusammen, dass die Frauen sich zunächst eine gute Basis schaffen wollen, später wieder in den Beruf zurückzukehren. Hier spielt wohl auch eine Rolle, dass in der deutschen Gesellschaft noch das Leitbild er Hausfrau und Mutter vorherrscht, die sich zumindest in den ersten Lebensjahren des Kindes ausschließlich um dieses kümmert. Mangelnde Betreuungsangebote, gerade für unter 3 Jährige und der im Hinblick auf Kinder unflexible Arbeitsmarkt tun ein Übriges dazu (vgl. Fthenakis, 205).

Grundsätzlich besteht für den reinen Kinderwunsch kein Zusammenhang mit der beruflichen Situation der Frau. Eher spielen die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie eine Rolle. Insbesondere besteht hier ein Zusammenhang mit der Geschwisterzahl der Frau. Hat sie mehrere Geschwister gehabt, so erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie für weitere eigene Kinder ist. Ebenso spielt die Erfahrung mit den Eltern eine wichtige Rolle (vgl. Fthenakis, 213).
Als günstig für den Wunsch nach einem zweiten Kind haben sich die folgenden Faktoren erwiesen. So ist es von Vorteil, wenn die Partner noch relativ jung bei der Geburt ihres ersten Kindes sind, die Frau ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hat, sowohl in ihrer Kindheit als auch aktuell, wenn die Frau das Kind als positiv für die Partnerschaft ansieht und wenn beide Eltern den Umgang mit ihrem ersten Kind als Freude empfinden (vgl. Fthenakis, 215).

Als ungünstig hat es sich erwiesen, wenn die Frau mit ihrer Rolle als Mutter unzufrieden ist, sie viel Hausarbeit nach der Geburt ihres ersten Kindes alleine erledigen muss, sowie eine negative Einstellung zur Rolle der Hausfrau vor der Geburt des ersten Kindes. Weiterhin sind ein hoher beruflicher Status der Frau und der Grad der Attraktivität des Berufes für die Frau ein Hindernis für weitere Kinder (vgl. Fthenakis, 218f).

Generell hat die Frau den entscheidenden Einfluss auf die Geburt eines zweiten Kindes. Der Kinderwunsch des Mannes wird vor allem von der Einstellung der Frau beeinflusst (vgl. Fthenakis, 215). Die entscheidende Phase ist die von der Geburt bis 1,5 Jahre danach (vgl. Fthenakis, 218).

Entscheidend dabei ist die Lebensplanung der Frau. Je nachdem ob sie familien- oder berufsorientiert ist, wird sie eher dazu tendieren ein zweites Kind zu bekommen oder nicht. Der eigentliche Wunsch nach einem weiteren Kind unterscheidet sich dabei aber nicht. Die berufsorientierte Frau wird dabei aber eher dazu neigen dem Beruf den Vorzug zu geben. Sie will Beruf und Familie verbinden und stößt dabei auf strukturelle Probleme (vgl. Fthenakis, 223f).

Literatur:

Fthenakis, Wassilios, E., Kalicki, B., Peitz, G.: Paare werden Eltern. Ergebnisse der LBS-Familien-Studie, Leske + Budrich, Opladen, 2002.

Pfundt, Karen: Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben, Argon, Berlin, 2004.

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Karl Mannheim: Das Problem der Generationen

In seinem Text, „Das Problem der Generationen“, der 1928 in der Zeitschrift „Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie erschienen ist, versucht Karl Mannheim ein Konzept für eine Theorie zur soziologischen Generationenproblematik zu entwerfen. Continue reading

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Jugendgewalt

Die Jugendgewalt. Sie überrascht jede Generation wieder von neuem, wie Francois Dubet es ausdrückt. In traditionellen Gesellschaften war die Gewalt eine Form der Integration und Sozialisation. Man schuf bestimmte Gelegenheiten, um in stark reglementierten Riten, eine gezielte Überschreitung der Normen zu ermöglichen. Dabei zeigt sich die Ambivalenz darin, dass sich die Erwachsenen zwar einerseits über die Jugendgewalt beschweren, sich aber andererseits mit ihren Gewalttaten aus ihrer eigenen Jugendzeit rühmen. Die Gewalt galt als der Beweis ihrer Männlichkeit.

In einer modernen Massengesellschaft, mit der Auflösung der sozialen Strukturen in den Städten, wird die Gewalt von ihrer Funktion und von ihren Riten gelöst. Sie wird nicht mehr als notwendiges Mittel der Integration wahrgenommen, sondern als eine störende Gewalt, die nicht in das Weltbild passt. Dies zeigt sich auch in der steigenden Anzahl von Anzeigen, bei Gewalt in Schulen. Früher hätte man das intern geregelt, während heutzutage immer mehr die Polizei eine Rolle spielt. Die soziale Kontrolle fällt weg und damit auch die Begrenzung der Gewalt. Die staatlichen Institutionen können nicht angemessen auf die Lage reagieren und die mangelnde soziale Kontrolle ausgleichen (Dubet, 221ff).

Für den Fall der Schulgewalt und hier die spezielle Form der Gewalt gegen die Schule, also gegen Lehrer und Einrichtung, beschreibt Dubet die Ursachen dieser Gewaltform.

Schüler greifen zu diesem Mittel meist, nach einer, von ihnen als Niederlage erlebten Situation. Danach bleibt dem Schüler die Möglichkeit, entweder dies zu akzeptieren, oder rebelliert dagegen. Jetzt haben wir aber in der heutigen Schule das Problem, dass Versagen in der Schule auf das Individuum zurückfällt. Das heißt, es ist selbst Schuld dass es versagt hat. In dieser Situation bleibt wieder die Wahl zwischen Rückzug oder Protest. Hier ist aber der Knackpunkt. Ein geordneter, ziviler Protest ist nicht möglich wenn man selbst für seine Situation verantwortlich ist. Somit zwingt das System praktisch alle die sich damit nicht abfinden wollen in die Gewalt (Dubet, 232).

Unter dieser Prämisse ist natürlich ein Amoklauf nicht verwunderlich. Für die gesellschaftliche Wahrnehmung heißt das natürlich, dass durch die mediale Berichterstattung die Amokläufer noch mehr Aufmerksamkeit und entsetzen verursachen, da die vielen Schüler, die die Rückzugsvariante wählen nicht wahrgenommen werden. Somit ist auch das Ausmaß des Versagens, bzw. des subjektiv als Versagen angesehenen Situationen nicht messbar. Sie stechen also quasi als einzelne aus der anscheinend zufriedenen Masse heraus.

Damit stellt sich die Frage, wie man eine Alternative schaffen kann, die eine weitere, weniger destruktive Möglichkeit des Protestes zulässt.

Quelle:

Francois Dubet: Die Logik der Jugendgewalt. – Das Beispiel der französischen Vorstädte. In: Trotha, Trutz von [Hrsg.]: Soziologie der Gewalt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37/1997, Westdeutscher Verlag.

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Sozialisation wirkt

Martin Booker hat in seinem Blog ein Interview mit dem Psychologie Professor Girolamo Lo Verso von der Universität Palermo veröffentlicht.

Darin wird erschreckend klar, wie gut doch eine gezielte Erziehung wirken kann. Von Anfang an werden die Kinder zu künftigen Killern erzogen. Wie er berichtet haben diese nicht mal ein schlechtes Gewissen, dass sich eigentlich laut der Theorie irgendwann mal melden sollte. Eingebunden in ein starkes System mit harten Regeln, werden sie von allen „unnützen“ Mechanismen befreit, die sie an ihrem unmenschlichen Handeln hindert.

Positiv formuliert, könnte man sagen: Erziehung lohnt. Die Gesellschaft hat also mehr Einfluss, über die Sozialisation, auf den Menschen, als so mancher denkt.

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