Make Diskurs great again

Als Ergänzung zu http://www.advdiaboli.de/2016/11/10/einfach-mal-die-fresse-halten-und-machen/ und https://vrouwel.wordpress.com/2016/11/13/fresse-halten-machen-oder/ sowie meinem Artikel zum Thema  möchte ich noch ein paar Sachen genauer ausführen. Ausgangspunkt ist diese Unterhaltung auf Twitter, in der unter anderem auf dieses YT Video von Jonathan Pie und den Artikel von Sibylle Berg verwiesen wird.

Dies alles fast nochmal zusammen, woran es bei der US Präsidentschaftswahl und drumherum gehapert hat.  Und auch in Deutschland wunderte man sich über die Wahl in Mecklenburg Vorpommern und das gute Abschneiden der AfD. Hält auch nochmal fest, dass Clinton nicht verloren hat, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie das bisherige System repräsentiert wie kaum ein anderer und das Argument, sie ist besser als Trump, nunmal kein überzeugendes Argument ist und für viele wohl auch nicht war. Das fehlt mir übrigens auch in der politischen Diskussion in Deutschland. Es wird immer gesagt. Wofür die AfD steht, aber niemals wofür die anderen Parteien und was genau daran besser ist. Theoretisch ist das zwar klar, aber die fehlende Artikulation macht es nicht besser. Wenn man sich nur über das Gegenteil dessen Definiert, was der politische Gegner ist, dann wird man von diesem Abhängig. Und man lenkt die Aufmerksamkeit von sich weg. Ich wage mal zu bezweifeln, dass dies eine sinnvolle Strategie ist.

Aber das nur am Rande und als Rahmung. Des Pudels Kern für mich, ist die fehlende Diskussion. Man sagt den Linken ja gerne nach, sie würden alles totdiskutieren, zumindest intern. Nach außen hin wurde aber eben nur noch per Beschimpfungen, Schubladen und wohl klingenden –ist und –ismen um sich geworfen.  Jeder der die falschen Worte benutzt oder offen zugibt Sympathie für Trump und Konsorten zu haben, wurde zum Sexisten, Rassisten oder sonst was abgestempelt. Das Problem ist, es führt zu nichts. Zum einen, es stimmt einfach nicht für die große Mehrheit. Klar gibt es diejenigen, die Clinton nicht gewählt haben weil sie eine Frau ist, oder Obama weil er Schwarz ist. Andere wiederum wollen wirklich eine rein weiße Bevölkerung oder wollen Schwule, Muslime usw. in Lager stecken. Das sind aber die Extreme. Diese Leute kann man dann auch nicht mehr mit guten Worten erreichen. Aber dieser kleine Prozentsatz wird es immer geben und hat es immer gegeben. Damit muss man sich halt abfinden. Finde ich auch nicht gut, aber es gibt wichtigere Zielgruppen.

Ich möchte die in der Mitte erreichen. Es ist nicht alles Schwarz und Weiß. Die Meisten Menschen sind da eher grau. Sie sind weder heilige noch Dämonen. Sie wollen einfach nur ein sicheres Leben führen und haben verständlicherweise auch nur ihre eigene Sichtweise aus ihrer Situation heraus.

Was nämlich passiert, wenn man Leute offen in Schubladen packt und sie beschimpft, sollte ja eigentlich jeder wissen. Das (un)lustige ist ja, dass das von Leuten kommt, die selbst nicht in Schubladen gesteckt werden wollen und Toleranz predigen. Mal so als Beispiel, wenn man sagt, „Homosexuelle sind auch nur Menschen“, dann muss man auch sagen, dass Menschen die etwas, aus welchem Grund auch immer, gegen diese Gruppe haben, auch erstmal Menschen sind. Wenn wir von dieser Prämisse ausgehen, dann ist der erste Schritt getan. Man muss die Leute ernst nehmen, und zwar nicht im Sinne von, ihren Forderungen mehr oder minder uneingeschränkt zu entsprechen, was ja in Deutschland seit Jahrzehnten in der Politik gang und gäbe ist, sondern, klar zu machen, ich bin zwar anderer Meinung, aber ich höre dir wirklich zu und nehme die Argumente ernst. Das muss natürlich auch die Gegenseite tun. Ansonsten wird die Sache recht einseitig. Sofern das der Fall ist, dann ist die Diskussion schon mal im Gange. So weit so gut.

Anmerkung: Um jetzt keine Diskussion wie „man kann doch keine rechten Meinungen übernehmen!!“ aufkommen zu lassen, soll das folgende eher als allgemeiner Vorschlag betrachtet werden. Und wie ich schon ausführte, gilt dies vor allem für diejenigen die keine Extremisten sind, sondern noch irgendwie erreichbar.

Die Zielsetzung: Die Zielsetzung ist natürlich, den jeweils anderen von seiner Meinung zu überzeugen. Und das ist einerseits verständlich, birgt aber auch eine Gefahr. Nämlich dann, wenn es zu einer Erwartungshaltung wird. Wenn also erwartet wird, dass der Andere am Ende der Diskussion sagt, ja du hast Recht ich bin jetzt deiner Meinung. Das wird natürlich nicht immer passieren. Vielleicht hat man nur zum Nachdenken angeregt oder die Meinung wurde nur teilweise geändert. Das ist wohl dann eher die Regel als die Ausnahme. Deswegen sollte man aber weiterhin nicht sagen, der/die ist blöd. Vielleicht waren nur die eigenen Argumente noch nicht gut genug. Andererseits sollte man eben auch selbst offen sein für die Argumente der anderen um besser zu verstehen, warum sie der Meinung sind. Verständnis ist eben auch der Weg um zu lernen. Ist jedenfalls meine Prämisse. Die Zielsetzung wäre also erst einmal verstehen und lernen und dadurch den eigenen und den anderen Standpunkt besser zu verstehen und damit auch die eigenen Argumente zu schärfen.

Kommen wir nochmal auf die bereits erwähnte Erwartungshaltung an. Ich glaube das ist das wichtigste überhaupt, weil sie unterschwellig die eigenen Ansprüche an Diskussionen und das Verhalten in diesen steuert. Ich kann hier nur für mich sprechen und einen Vorschlag unterbreiten.

Ich erwarte, dass man meinen Argumenten erst einmal zuhört und ernst nimmt und sollte sich im Verlauf der Diskussion herausstellen, dass ich nicht umstimmbar bin, sondern weiterhin meine Argumente für besser halte, dies auch anerkannt und toleriert wird. Dass ich nicht beschimpft und persönlich beleidigt werde, nur weil ich meine Meinung beibehalte. Demokratie und Pluralismus sind anstrengend und man muss damit leben, dass es viele andere Menschen mit einer anderen Meinung gibt. Das muss man aushalten. Alles andere führt nur in den Totalitarismus. Um auch mal einen –ismus anzubringen. ;-) Gleichzeitig verhalte ich mich natürlich ebenso. Ich versuche meine Filterblase in den sozialen Medien möglichst vielfältig zu halten und blocke nicht einfach Leute, nur weil ich deren Meinung nicht gut finde. Es gibt viele Sachen, die ich nicht gut finde, und trotzdem spreche ich Menschen nicht das Recht ab dies weiterhin zu tun, sofern sie damit niemandem schaden oder gegen Gesetze verstoßen. Dasselbe verlange ich eben auch für mich.

In der Politik heißt das eben auch, dass man klar machen muss wofür man steht, und nicht nur sagen, die anderen sind der Teufel, wählt lieber uns weil wir kämpfen für die „gute Sache“.  Man sollte nie vergessen, für die „gute Sache“ sind Millionen gestorben, für die „böse Sache“ wahrscheinlich kein einziger.

Wie ich schon in der Diskussion auf Twitter anmerkte, wenn es mal wieder zu einer richtigen Diskussion kommt, jeder mal einen Schritt zurück geht und sich entspannt, dann hat sich der Wahlsieg Trumps wohl gelohnt. Niederlagen sind auch immer eine gute Gelegenheit zu lernen und besser zu werden. Die perfekte Welt wird es niemals geben, aber man kann sie eben auch etwas besser machen, indem man Menschen wie eben solche behandelt und mit ihnen redet statt über sie.

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Soziologische Linkschau 6/16


Der Politologe Colin Crouch über Rechtspopulistische Parteien


Vortrag in Bremen: Der Körper des Drachen – Chinas Megastädte aus interkultureller Perspektive


SoWi Stamtisch #28: Wettbewerb und Kooperation bei Bourdieu


Mitternachtskabinett #34: Die Angst und nordkoreanische Einhörner


ARMIN NASSEHI: Die Stunde der Konservativen (FAZ)


Aktuelle Sozialpolitik: Von der Armut, ihren Quoten, ihrer kritischen Diskussion – und von abstrusen Kommentaren


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Soziologische Linkschau 5/16


Is Social Science Politically Biased? (Scientific American)


Public statement by academics working in the field of migration and refuge


Benefit sanctions have failed: a Comprehensive Review is needed (London School of economics and political science)


„Soziale Systeme Komplex heißt heute immer zu komplex“ (Frankfurter Allgemeine)


Beobachter.LAB: Genderneutralität und Sprachzerstörung


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Etablierte Parteien und ihr Umgang mit extremen Parteien

Im Moment überbieten sich die Parteien mit neuen Vorschlägen von Gesetzesverschärfungen für Flüchtlinge. Jeder noch so kleine Vorfall wird in den Medien aufgebauscht und selbst wenn die Straftaten dann doch von schon länger in Deutschland lebenden „Ausländern“ oder Deutschen mit Migrationshintergrund begangen wurden, was beim Normalbürger hängen bleibt, ist die Asylanten sind eine Gefahr für Deutsche Bürger. Niemand liest die Gegendarstellung, die dann auch nicht reißerisch auf der Titelseite steht.

Dieses Spiel ist nicht neu. Jedes Mal, wenn die Zahl der Flüchtlinge angestiegen ist, wurden Rufe nach einer Verschärfung der Asylgesetzgebung laut. Ebenfalls taucht der nicht tot zu kriegende Mythos von der Sonderbehandlung von Ausländern durch Polizei und Behörden immer wieder auf. Continue reading

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Buchtipp: Pierre Bourdieu – Gegenfeuer

Pierre Bourdieu war ein Soziologe der nicht nur die Gesellschaft analysierte, sondern sie auch gestalten wollte.  Wie schon im Film „Soziologie ist ein Kampfsport“, zeigt dieses Buch einen streitenden Bourdieu, der versucht gegen die „konservative Revolution“ anzukämpfen und die Mechanismen die hinter dem Siegeszug des Neoliberalismus stehen deutlich zu machen und Auswege aufzuzeigen. Continue reading

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Michael Hartmann über die Eliten und Hartz IV

In der ZEIT hat der Soziologe Michael Hartmann ein Interview zum Thema Eliten und Hartz IV gegeben. Darin beschreibt er die Veränderungen in den letzten Jahren und zeigt die Mechanismen auf, die hinter den aktuellen Debatten um „Leistungsträger“ und „Sozialschmarotzer“ stehen.

Dazu passt auch ein Kommentar bei Spiegel Online

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Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Pierre Carles
Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Wohl jedem geistes- und kuturwissenschaftlichen Studierenden begegnet irgendwann einmal der Name Pierre Bourdieu unter oder über einem Text. Er ist bekannt u. a. durch das Werk „Die feinen Unterschiede“. Der französische Soziologe gehörte schon zu Lebzeiten zu den bedeutensten Soziologen des 20. Jahrhunderts, so dass wir nicht nur Texte von ihm, sondern auch das Glück haben, dass es ein Film über ihn gibt, der vor seinem Tod 2002 entstanden ist. Der Filmemacher Pierre Carles hat ihn für das französische Kino gedreht. Er ist jetzt dank des Suhrkamp-Verlag auf DVD in Deutschland erhältlich.

Pierre Carles hat Pierre Bourdieu längere Zeit mit der Kamera begleitet. Der Film kommt ohne Kommentare bzw. Sprecher und Interviews des Filmemachers mit ihm aus, stattdessen reiht der Film einzelne Episoden aneinander. Sie zeigen Bourdieu in unterschiedlichen Situationen. Mit seinen Kollegen an der Universität; bei zufälligen Begegnungen auf der Straße; bei einem Interview mit einem Jugendradio; bei Podiumsdiskussionen; in Uni-Seminaren.

Es entsteht das Bild eines durch und durch sympathischen Mannes. Ein Mann mit Humor, Beobachtungsgabe, Empathie, Wissen, Leidenschaft, Engagement und dem Willen, seine Anliegen den Menschen verständlich zu machen. Ein Bourdieu, der aufgeregt ist, weil er auf Englisch reden muss bei einem wissenschaftlichen Kongress und das ganze trocken mit dezenter Ironie kommentiert; dann einen, der engagiert mit Einwohnern eines benachteiligten Stadtteils diskutiert. Ein anderes mal bittet er Studierende, ihm die Fragen zu schicken, die sie sich nicht getraut haben zu stellen bei einem Besuch von ihm in ihrem Seminar. Dann ist er väterlich besorgt um den Arbeitsfortschritt eines Mitarbeiters.

Der Sohn eines Bauern aus der Provinz bleibt auch am Ende seiner akademischen Laufbahn bescheiden und behält genug Distanz zu seinem Werk. Wenn ein Diskutant im Eifer des Gefechts sagt „Es ist nur Bourdieu, nicht Gott“, verärgert ihn das nicht, sondern findet seine Zustimmung. Er will den Menschen Mut machen zu denken und ihr Anliegen in die eigene Hand zu nehmen. Es erscheint einem aufgrund des Films plausibel, dass Bourdieu bis zuletzt nie ganz in den Welt der Akademiker heimisch wurde und diese Welt und sein Wirken in ihr mit nötiger Distanz beobachten konnte.

Natürlich bekommt man im Film auch mit, was er z. B. unter kulturellem Kapital versteht. Wer Geld hat, hat damit bestimmte Möglichkeiten. Wer bestimmte kulturelle Fähigkeiten, also kulturelles Kapital hat, hat dadurch auch bestimmte Möglichkeiten. Wer z. B. eine akademische Karriere machen möchte, muss reden können wie man es in akademischen Kreisen macht. Und wer konnte gerade dies besser beobachten als das Nicht-Akademiker Kind Bourdieu?

Aber das Kern-Anliegen des Films ist: Die Facetten seines öffentlichen Auftretens zu zeigen. Und darin bekommt man in fast 3 Stunden einen guten Einblick.

Der Suhrkamp Verlag hat den Film mit deutschem Untertitel auf DVD veröffentlicht. Ein hartes Stück Arbeit, ihm lesend und denkend zu folgen und gleichzeitig den Film zu sehen, aber es lohnt sich. Auf überflüssige Extras verzichtet der Verlag, legt aber ein inhaltlich ergänzendes 52-seitiges Heft bei.

Autor: Norbert Paul

 

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Frieden für die Welt…

… oder doch lieber Krieg?

Das war die Frage im Seminar zum Thema Deutsche Außenpolitik – Krieg oder Frieden?

Als erster Referent trat Bernhard Nolz auf. Träger des Aachener Friedenspreises und wegen einer Rede für den Frieden kurz nach den Anschlägen von New York 2001 von seiner Schule strafversetzt. Aktiv im Zentrum für Friedenskultur in Siegen.

Er plädierte für die Abschaffung des Militärs. Seiner Meinung nach würde eine gewaltfreie, zivile Form des Widerstandes viel effektiver sein. Damit sollen die „Besatzungskosten“ möglichst hoch sein. Da er davon ausgeht, dass ein Besatzer an größtmöglichem Nutzen interessiert ist. Nolz geht es nicht um den Schutz der Grenzen, also des staatlichen Territoriums, sondern um den Schutz der Menschen. Diese sollen Flugblätter drucken, Produktion und Infrastruktur sabotieren und ähnliches. Zudem ist er für eine Stärkung demokratischer Strukturen zum Beispiel in der UN.

Das sind natürlich alles schöne Ziele. Dieses Konzept ist mir selbst nicht unbekannt. Ich habe mich vor Jahren mal damit beschäftigt und fand es zu Anfang auch nicht schlecht. Es mag vielleicht in manchen Situationen auch passen. Doch hat diese Theorie einige schwere Schachpunkte. Zum Einen ist es wesentlich einfacher militärischen Widerstand zu organisieren als zivilen Ungehorsam, bei dem schon eine Menge Menschen unabhängig voneinander mitmachen müssen um effektiv zu sein. Der friedliche Aufbau eines Staatsystems aus sich selbst heraus hat eigentlich kaum funktioniert. Immer gab es Gewalt. In Afghanistan hätte es nach dieser Theorie funktionieren müssen, als sich die Russen zurückzogen. Doch das Land wurde vom Bürgerkrieg zerstört und eine Gruppe religiöser Fanatiker kam an die Macht. Normbrüche wurden sofort und gewalttätig bestraft. Wer diskutieren wollte wurde einen Kopf kürzer gemacht. Ein friedlicher Widerstand gegen eine Macht, die nur an der Beherrschung und Zerstörung alles „Andersdenkenden“ interessiert ist, ist ohne Gewalt nicht beizukommen.

Natürlich war er auch gegen die Einsätze in Afghanistan. Doch eins ist klar, und das sagen auch viele die dort her kommen, wenn die Nato Truppen abziehen (Zur Zeit ca 60.000 Soldaten), werden die Taliban erneut das Land erobern und ihre Schreckensherrschaft installieren. Als Alternative schlug Nolz vor, statt Soldaten, ausgebildete Friedenshelfer zu schicken. Ich glaube aber kaum, dass die Taliban lange mit denen verhandeln werden…

Insgesamt ja eine schöne Theorie, doch in der Praxis kaum bis nicht umzusetzen. So musste er auch bei gezielten Nachfragen zur Praxistauglichkeit meistens passen.

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Das Bevölkerungsgesetz von Thomas Robert Malthus

Im Jahr 1798 veröffentlichte Malthus seine Gesetze zur Entwicklung der Bevölkerung, auf die sich später Charles Darwin beziehen wird. Er geht davon aus, dass bei zunehmenden Subsistenzmitteln die Vermehrung der Bevölkerung exponentiell zunimmt. Das bedeutet wiederum, dass die Subsistenzmittel wieder knapp werden und es zu einer Verarmung der Bevölkerung führt. Continue reading

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Studenten für den Krieg

Im Seminar „Menschenrechte in Filmen“ schauten wir uns den Film „Hotel Ruanda“ an. Danach kam die Frage auf, warum dieses Massaker nicht verhindert wurde. Unter dem Eindruck des Films, waren sich eigentlich alle einig, dass man etwas gegen ein solches Massaker tun müsse, notfalls militärisch. Das wunderte mich schon etwas als plötzlich für Kampfeinsätze der Bundeswehr zum Schutz von Opfern von Völkermorden gesprochen wurde. Schließlich will man ja eigentlich keine Gewalt anwenden und alles friedlich lösen. Man hat ja auch gesehen wie lange es gedauert hat bis im ehemaligen Jugoslawien eingegriffen wurde. Es erklärten sich auch recht viele spontan dazu bereit, an einer Demonstration in Berlin teilzunehmen. Die Frage ist natürlich ob das nach einer Woche noch der Fall ist, wenn die Eindrücke des Filmes verblasst sind. Aber immerhin lässt sich langsam eine Änderung des verhängnisvollen Pazifismus und „Frieden um jeden Preis“ erkennen.

Die Forderung ist natürlich utopisch, aber durchaus berechtigt. Einerseits spuckt man große Töne, das es die Verantwortung Deutschlands und der Welt wäre, einen Völkermord in jedem Falle auch militärisch zu beenden. Und nach den UNO Grundsätzen sind die Mitgliedsstaaten auch verpflichtet dies zu tun, doch wenn es hart auf hart kommt wird nichts getan. Wer den Amerikanern vorwirft, sich nur dort zu engagieren, wo ihre Interessen tangiert sind, sollte vielleicht erstmal vor der eigenen Haustüre nachsehen. Und auf die Frage, warum die Amerikaner immer irgendwo eingreifen, kann man ganz einfach antworten, weil es sonst niemand tut.

Das Ganze ist natürlich nur ein Symptom eines Systems das eine doppelte Moral fördert. Während wir darüber diskutieren, ob man guten Gewissens noch die Olympiade in China anschauen kann, gehen in anderen Gegenden die Menschen auf die Barikade, weil sie sich nichts mehr zu essen leisten können. Das Problem dabei ist, dass man einerseits einfach kein konsequentes Handeln an den Tag legt, und sich nicht mal entschieden hat was man will.

Wenn man die Menschenrechte, die eine Erfindung der Europäer sind, weltweit verbreiten und schützen will, dann müsste man auch bereit sein dies notfalls mit Waffengewalt zu tun. Das heist nicht, dass man jetzt wegen jedem bischen in ein Land einmarschiert, doch bei solchen Fällen, wo massenweise Menschen abgeschlachtet werden, kann man nicht einfach danebenstehen. Wie fatal das Nichteingreifen im Falle Ruanda war, davon kann der damalige UN Befehlshaber General Dallaire ein Lied singen.

Was wäre also zu tun? Die schon seit Jahren geplante schnelle Eingreiftruppe der EU müsste endlich aufgestellt werden und auch explizit dafür einen Auftrag haben. Die Bundeswehr müsste endlich auf die heutigen Anforderungen angepasst werden und zu einer gut ausgebildeten und ausgestatteten Berufsarmee werden. Wesentlich kleiner, aber dafür besser ausgestattet. Man könnte natürlich auch eine Fremdenlegion nach französischem Vorbild aufbauen. Statt ein bewaffnetes Rotes Kreuz oder THW zu sein, müsste man die Bundeswehr auf Kampfeinsätze in allen Gebieten der Welt vorbereiten. Dazu müsste man aber die Dinge beim Namen nennen. Und dazu sehe ich die Politik zur Zeit nicht in der Lage. Es wird aus verschiedenen Gründen an einem System festgehalten, durch das die Bundeswehr schon bei den derzeitigen Auslandseinsätzen vollkommen überfordert ist, dabei sind „nur“ ca. 7380 Soldaten im Einsatz.

Artikel im Stern über die Vorgänge bei der UNO

Ein Artikel von Dalleire in der TAZ

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