Pierre Bourdieu: Die Kapitalarten

Bourdieu geht ebenfalls von einem Unterteilung der Gesellschaft in Klassen aus. Er postuliert einen sozialen Raum, auf dem er die unterschiedlichen Klassen verortet. Die Klassen unterscheiden sich dabei in der Ausstattung mit Kapitalarten. Unterschieden wird in soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital. Das heißt die soziale Struktur wird durch die Verteilungsstruktur des Kapitals bestimmt. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Kapital kann nämlich akkumuliert und (teilweise) vererbt werden. Es kann aber auch ineinander umgewandelt werden. Das kulturelle Kapital ist entscheidend bei der Erklärung von ungleichen schulischen Leistungen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft (vgl. Bourdieu 1992, 49f). Im Folgenden werden die Kapitalarten und ihre Eigenschaften genauer beschrieben. Neben dem ökonomischen Kapital gibt es noch zwei weitere Kapitalarten nach Bourdieu. Continue reading

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Essay: Entwicklungspolitik

Der folgende Text entstand nach einem Seminar zur Entwicklungszusammenarbeit.

Ich stehe der Entwicklungshilfe, oder wie es neuerdings heißt Entwicklungszusammenarbeit, sehr skeptisch gegenüber. Das liegt wohl vor allem darin, dass ich die 80er miterlebt habe. Andauernde Hungersnöte in Afrika, Live Aid und tausende Institutionen, die den „armen Negerkindern“ helfen wollten. Gebracht hat es aber irgendwie nichts. Gut, das lag sicher auch an den Methoden. Die Wende von der Hilfe zur Zusammenarbeit war damals noch nicht vollzogen. Man begann wohl damals erst so langsam darüber nach zu denken, dass etwas nicht stimmt. Zudem war Entwicklungshilfe im Schatten des Kalten Krieges natürlich auch eine politische Sache und man unterstützte nur die Länder, denen man auch politisch nahestand, sprich, die die dem eigenen Block zugehörig waren. Continue reading

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Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Pierre Carles
Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Wohl jedem geistes- und kuturwissenschaftlichen Studierenden begegnet irgendwann einmal der Name Pierre Bourdieu unter oder über einem Text. Er ist bekannt u. a. durch das Werk „Die feinen Unterschiede“. Der französische Soziologe gehörte schon zu Lebzeiten zu den bedeutensten Soziologen des 20. Jahrhunderts, so dass wir nicht nur Texte von ihm, sondern auch das Glück haben, dass es ein Film über ihn gibt, der vor seinem Tod 2002 entstanden ist. Der Filmemacher Pierre Carles hat ihn für das französische Kino gedreht. Er ist jetzt dank des Suhrkamp-Verlag auf DVD in Deutschland erhältlich.

Pierre Carles hat Pierre Bourdieu längere Zeit mit der Kamera begleitet. Der Film kommt ohne Kommentare bzw. Sprecher und Interviews des Filmemachers mit ihm aus, stattdessen reiht der Film einzelne Episoden aneinander. Sie zeigen Bourdieu in unterschiedlichen Situationen. Mit seinen Kollegen an der Universität; bei zufälligen Begegnungen auf der Straße; bei einem Interview mit einem Jugendradio; bei Podiumsdiskussionen; in Uni-Seminaren.

Es entsteht das Bild eines durch und durch sympathischen Mannes. Ein Mann mit Humor, Beobachtungsgabe, Empathie, Wissen, Leidenschaft, Engagement und dem Willen, seine Anliegen den Menschen verständlich zu machen. Ein Bourdieu, der aufgeregt ist, weil er auf Englisch reden muss bei einem wissenschaftlichen Kongress und das ganze trocken mit dezenter Ironie kommentiert; dann einen, der engagiert mit Einwohnern eines benachteiligten Stadtteils diskutiert. Ein anderes mal bittet er Studierende, ihm die Fragen zu schicken, die sie sich nicht getraut haben zu stellen bei einem Besuch von ihm in ihrem Seminar. Dann ist er väterlich besorgt um den Arbeitsfortschritt eines Mitarbeiters.

Der Sohn eines Bauern aus der Provinz bleibt auch am Ende seiner akademischen Laufbahn bescheiden und behält genug Distanz zu seinem Werk. Wenn ein Diskutant im Eifer des Gefechts sagt „Es ist nur Bourdieu, nicht Gott“, verärgert ihn das nicht, sondern findet seine Zustimmung. Er will den Menschen Mut machen zu denken und ihr Anliegen in die eigene Hand zu nehmen. Es erscheint einem aufgrund des Films plausibel, dass Bourdieu bis zuletzt nie ganz in den Welt der Akademiker heimisch wurde und diese Welt und sein Wirken in ihr mit nötiger Distanz beobachten konnte.

Natürlich bekommt man im Film auch mit, was er z. B. unter kulturellem Kapital versteht. Wer Geld hat, hat damit bestimmte Möglichkeiten. Wer bestimmte kulturelle Fähigkeiten, also kulturelles Kapital hat, hat dadurch auch bestimmte Möglichkeiten. Wer z. B. eine akademische Karriere machen möchte, muss reden können wie man es in akademischen Kreisen macht. Und wer konnte gerade dies besser beobachten als das Nicht-Akademiker Kind Bourdieu?

Aber das Kern-Anliegen des Films ist: Die Facetten seines öffentlichen Auftretens zu zeigen. Und darin bekommt man in fast 3 Stunden einen guten Einblick.

Der Suhrkamp Verlag hat den Film mit deutschem Untertitel auf DVD veröffentlicht. Ein hartes Stück Arbeit, ihm lesend und denkend zu folgen und gleichzeitig den Film zu sehen, aber es lohnt sich. Auf überflüssige Extras verzichtet der Verlag, legt aber ein inhaltlich ergänzendes 52-seitiges Heft bei.

Autor: Norbert Paul

 

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