Der verlorene Diskurs

Das soziologische Kaffeekränzchen hat sich inzwischen erweitert. Kolame ist dazu gestoßen. Das heißt, ich werde in diesem Beitrag gleich auf drei andere Beiträge eingehen.

Zuerst zum Beitrag von Kolame. Dazu ein Zitat:

„[…] wer sich darüber freut, in einem Blog schreiben zu können was si*er möchte und damit vielleicht tatsächlich eine partikulare Öffentlichkeit zu erreichen, der muss sich auch darüber freuen, wenn Personen anderer politischer Gesinnung das tun. Das ist dann wahre demokratische Einstellung, aber fraglich scheint mir, ob das überhaupt funktioniert.“

Das ist ja eine, im Moment, viel diskutierte Tatsache. Nicht nur die „Guten“ können im Internet alles schreiben, sondern auch die „Bösen“. Ich bin allerdings der Meinung, dass dies etwas Gutes ist. Abgesehen davon, könnte ja überhaupt kein Diskurs entstehen, wenn sich nur eine Seite auslassen darf. Und wenn wir jetzt mal strafrechtlich relevantes ausklammern, dann sollte man damit leben können, dass auch andere Meinungen geäußert werden, auch wenn sie einem nicht gefallen. Wer Pluralität will, der kann sich nicht nur die Rosinen rauspicken.

Etwas worauf ich auch in früheren Beiträgen schon hingewiesen habe, das Ziel kann nicht die Vernichtung des Gegners sein. Man muss sich damit abfinden, dass es immer Menschen mit anderer, im Zweifel auch Menschenverachtender, Einstellung geben wird. Das mag zwar nicht schön sein, lässt sich aber nicht verhindern. Das Ziel muss sein, genügend Menschen davon zu überzeugen, solchen Meinungen nicht anzuhängen. Wenn es nur noch um die Vernichtung des Gegners geht, dann ist Diskurs sinnlos, denn so etwas ist einfach Krieg, der mit Worten als Waffe geführt wird und manchmal auch in körperlicher Gewalt endet.

Advi beschäftigt sich mit etwas, das bisher eher nur implizit vorkam, aber eine wichtige Komponente ist, nämlich die Identität und deren Entstehung.

„ Menschen sind also das, was sie denken, das sie sind. Diese Identität wird aber auf zwei Arten während unserer andauernden Sozialisation generiert. Die übliche Variante funktioniert durch negative Selbstzuschreibung. Das bedeutet, dass Identität darüber generiert wird, dass die Person ein außen wahrnimmt und sich von diesem Außen abgrenzt. Daraus wird dann gedacht, dass sich auch ein definiertes Innen also eine definierte Identität ergibt. Das ist aber nicht wahr. Die unübliche Variante, der positiven Selbstzuschreibung“

Das ist eine ganz wichtige Feststellung. Solange Identität negativ generiert wird, enthält sie immer eine feindselige Komponente, die leicht ausgenutzt werden kann. Ich habe schon öfter festgestellt, dass meine Sichtweise nach dem Motto „Das sind ja eben auch nur Menschen wie wir, die ein gutes Leben leben wollen“ nicht weit verbreitet ist. Es wird immer gesagt, die Flüchtlinge, die Moslems, die [Wunschgruppe einfügen], wollen irgendwas. Dass es sich dabei eben auch nur um Menschen handelt, die ihre Familie in schweren Zeiten durchbringen wollen und ganz normale Bedürfnisse haben, kommt dabei gar nicht erst auf. Das wird durch die Gruppenzuweisung und Abgrenzung verhindert. Damit wird jeder der nicht zur eigenen Gruppe gehört zur potentiellen Gefahr. Und zwar zu einer Gefahr für einen persönlich und die eigene Identität. Ein Phänomen, das man im Alltag oft beobachten kann, wenn Leute die Lebensweise anderer vehement ablehnen, obwohl sie selbst davon überhaupt keine Nachteile haben.

Zur Lösung schlägt er vor einen Raum für Diskurs zu schaffen, der bestimmte Eigenschaften aufweist.

„Wenn es das Ziel ist, dass die verschiedenen Gruppen wieder miteinander in den Diskurs treten, dann muss neben den ganzen technisch-praktischen Problemen, die erörtert wurden, auch ein Raum geschaffen werden, in dem Identität in den Hintergrund tritt. Ein sozialer Raum in dem das wer ich bin nicht so wichtig ist, wie das was ich möchte. In dem aus dem „works for me“ ein „works for us“ oder wenigstens ein „works for most of us“ wird.“

Als Weg dazu sieht er „Selbstfindung als Kulturtechnik“ und Empathie. Letzteres hatte ja schon die Vrouwelin gefordert. Gleichzeitig stellt er aber fest, dass die Schule dies im Moment nicht leistet. Ich bezweifle auch, dass die Schule der richtige Ort dafür ist. Denn die Schule dient der Zuweisung von Lebenschancen und dem potentiellen Platz in der Gesellschaft. Da es dabei Gewinner und Verlierer gibt, ist für Empathie keinen Platz und die Identitätsfindung dort basiert auf Rivalität und Leistung und damit auch wieder eher negativ als Abgrenzung.

Ich frage mich auch, ob es so einen Raum überhaupt gibt. Das Internet wäre ja potentiell so ein Raum. Man kann sich dort eine virtuelle Identität zusammenbauen. Theoretisch also, sollte dort die Identität keine Rolle spielen. Tut sie aber anscheinend doch. Das Problem liegt also eher bei den Menschen selbst, als am Raum. Oder bestimmt der Raum die Menschen? Auf jeden Fall müsste man viel früher ansetzen, um eine positive Identitätsbildung zu fördern.

Was folgt jetzt aus alldem? Für den demokratisierten Diskurs gelten theoretisch die gleichen Regeln für den professionellen Diskurs, wie er früher durch Journalisten und Politikern geführt wurde. Es fand zwar auch ein privater Diskurs statt, doch war der eben auf die eigene Peergroup, wie den  beschränkt. Im  erweiterten Diskurs im Internet, an dem quasi jeder mit einem Internetzugang teilhaben kann, gibt es dann diverse Probleme, die wir ja in diesem Kaffeekränzchen beleuchten wollen.

Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, in dem der derzeitige Diskurs und wie er aufgebaut ist, wieder in den Fokus gerät. Was passiert eigentlich genau und warum? Mir scheinen die Anforderungen an diesen Diskurs eher höher, bzw. unerreichbar durch die schiere Anzahl an Beteiligten, die quasi nie gelernt haben, wie so etwas abläuft und die Mechanismen und auch ihre eigene Rolle nicht durchschauen oder hinterfragen.

Bleibt es also für immer und ewig ein Raum in dem Jeder irgendwas rumschreit aber niemand zuhört?

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Was bedeutet es, Amerikaner zu sein?

Bei der Abschlussveranstaltung des Forum Siegen, ging es um das Thema „Was heißt es, ein Amerikaner zu sein.“ Es sprach zum Thema Prof. Dr. Hans Vorländer. Das gesamte Semester stand unter dem Titel „Amerika – Eine kritische Landeskunde“. Davon hatte auch das amerikanische Konsulat mitbekommen und der Herr Generalkonsul Boyse war begeistert davon, das man sich auch in der Provinz mit seinem Heimatland auseinandersetzt. Er war auch zugegen und versuchte es aus seiner Sicht zu beschreiben, konnte aber keine befriedigende Antwort geben. Was auch verständlich ist, immerhin streitet man sich ja bei uns auch, was es heißt ein Deutscher zu sein. Continue reading

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