Soziologische Linkschau 4/16


Soziopod #043: Mein Kick, meine Ehre, meine männliche Gewalt


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Folge 25: Flüchtlinge und der Hass im Netz


Thomas Schmid fordert eine neue Gründerzeit in der Soziologie


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Jugendgewalt

Die Jugendgewalt. Sie überrascht jede Generation wieder von neuem, wie Francois Dubet es ausdrückt. In traditionellen Gesellschaften war die Gewalt eine Form der Integration und Sozialisation. Man schuf bestimmte Gelegenheiten, um in stark reglementierten Riten, eine gezielte Überschreitung der Normen zu ermöglichen. Dabei zeigt sich die Ambivalenz darin, dass sich die Erwachsenen zwar einerseits über die Jugendgewalt beschweren, sich aber andererseits mit ihren Gewalttaten aus ihrer eigenen Jugendzeit rühmen. Die Gewalt galt als der Beweis ihrer Männlichkeit.

In einer modernen Massengesellschaft, mit der Auflösung der sozialen Strukturen in den Städten, wird die Gewalt von ihrer Funktion und von ihren Riten gelöst. Sie wird nicht mehr als notwendiges Mittel der Integration wahrgenommen, sondern als eine störende Gewalt, die nicht in das Weltbild passt. Dies zeigt sich auch in der steigenden Anzahl von Anzeigen, bei Gewalt in Schulen. Früher hätte man das intern geregelt, während heutzutage immer mehr die Polizei eine Rolle spielt. Die soziale Kontrolle fällt weg und damit auch die Begrenzung der Gewalt. Die staatlichen Institutionen können nicht angemessen auf die Lage reagieren und die mangelnde soziale Kontrolle ausgleichen (Dubet, 221ff).

Für den Fall der Schulgewalt und hier die spezielle Form der Gewalt gegen die Schule, also gegen Lehrer und Einrichtung, beschreibt Dubet die Ursachen dieser Gewaltform.

Schüler greifen zu diesem Mittel meist, nach einer, von ihnen als Niederlage erlebten Situation. Danach bleibt dem Schüler die Möglichkeit, entweder dies zu akzeptieren, oder rebelliert dagegen. Jetzt haben wir aber in der heutigen Schule das Problem, dass Versagen in der Schule auf das Individuum zurückfällt. Das heißt, es ist selbst Schuld dass es versagt hat. In dieser Situation bleibt wieder die Wahl zwischen Rückzug oder Protest. Hier ist aber der Knackpunkt. Ein geordneter, ziviler Protest ist nicht möglich wenn man selbst für seine Situation verantwortlich ist. Somit zwingt das System praktisch alle die sich damit nicht abfinden wollen in die Gewalt (Dubet, 232).

Unter dieser Prämisse ist natürlich ein Amoklauf nicht verwunderlich. Für die gesellschaftliche Wahrnehmung heißt das natürlich, dass durch die mediale Berichterstattung die Amokläufer noch mehr Aufmerksamkeit und entsetzen verursachen, da die vielen Schüler, die die Rückzugsvariante wählen nicht wahrgenommen werden. Somit ist auch das Ausmaß des Versagens, bzw. des subjektiv als Versagen angesehenen Situationen nicht messbar. Sie stechen also quasi als einzelne aus der anscheinend zufriedenen Masse heraus.

Damit stellt sich die Frage, wie man eine Alternative schaffen kann, die eine weitere, weniger destruktive Möglichkeit des Protestes zulässt.

Quelle:

Francois Dubet: Die Logik der Jugendgewalt. – Das Beispiel der französischen Vorstädte. In: Trotha, Trutz von [Hrsg.]: Soziologie der Gewalt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37/1997, Westdeutscher Verlag.

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