Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Pierre Carles
Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt

Wohl jedem geistes- und kuturwissenschaftlichen Studierenden begegnet irgendwann einmal der Name Pierre Bourdieu unter oder über einem Text. Er ist bekannt u. a. durch das Werk „Die feinen Unterschiede“. Der französische Soziologe gehörte schon zu Lebzeiten zu den bedeutensten Soziologen des 20. Jahrhunderts, so dass wir nicht nur Texte von ihm, sondern auch das Glück haben, dass es ein Film über ihn gibt, der vor seinem Tod 2002 entstanden ist. Der Filmemacher Pierre Carles hat ihn für das französische Kino gedreht. Er ist jetzt dank des Suhrkamp-Verlag auf DVD in Deutschland erhältlich.

Pierre Carles hat Pierre Bourdieu längere Zeit mit der Kamera begleitet. Der Film kommt ohne Kommentare bzw. Sprecher und Interviews des Filmemachers mit ihm aus, stattdessen reiht der Film einzelne Episoden aneinander. Sie zeigen Bourdieu in unterschiedlichen Situationen. Mit seinen Kollegen an der Universität; bei zufälligen Begegnungen auf der Straße; bei einem Interview mit einem Jugendradio; bei Podiumsdiskussionen; in Uni-Seminaren.

Es entsteht das Bild eines durch und durch sympathischen Mannes. Ein Mann mit Humor, Beobachtungsgabe, Empathie, Wissen, Leidenschaft, Engagement und dem Willen, seine Anliegen den Menschen verständlich zu machen. Ein Bourdieu, der aufgeregt ist, weil er auf Englisch reden muss bei einem wissenschaftlichen Kongress und das ganze trocken mit dezenter Ironie kommentiert; dann einen, der engagiert mit Einwohnern eines benachteiligten Stadtteils diskutiert. Ein anderes mal bittet er Studierende, ihm die Fragen zu schicken, die sie sich nicht getraut haben zu stellen bei einem Besuch von ihm in ihrem Seminar. Dann ist er väterlich besorgt um den Arbeitsfortschritt eines Mitarbeiters.

Der Sohn eines Bauern aus der Provinz bleibt auch am Ende seiner akademischen Laufbahn bescheiden und behält genug Distanz zu seinem Werk. Wenn ein Diskutant im Eifer des Gefechts sagt „Es ist nur Bourdieu, nicht Gott“, verärgert ihn das nicht, sondern findet seine Zustimmung. Er will den Menschen Mut machen zu denken und ihr Anliegen in die eigene Hand zu nehmen. Es erscheint einem aufgrund des Films plausibel, dass Bourdieu bis zuletzt nie ganz in den Welt der Akademiker heimisch wurde und diese Welt und sein Wirken in ihr mit nötiger Distanz beobachten konnte.

Natürlich bekommt man im Film auch mit, was er z. B. unter kulturellem Kapital versteht. Wer Geld hat, hat damit bestimmte Möglichkeiten. Wer bestimmte kulturelle Fähigkeiten, also kulturelles Kapital hat, hat dadurch auch bestimmte Möglichkeiten. Wer z. B. eine akademische Karriere machen möchte, muss reden können wie man es in akademischen Kreisen macht. Und wer konnte gerade dies besser beobachten als das Nicht-Akademiker Kind Bourdieu?

Aber das Kern-Anliegen des Films ist: Die Facetten seines öffentlichen Auftretens zu zeigen. Und darin bekommt man in fast 3 Stunden einen guten Einblick.

Der Suhrkamp Verlag hat den Film mit deutschem Untertitel auf DVD veröffentlicht. Ein hartes Stück Arbeit, ihm lesend und denkend zu folgen und gleichzeitig den Film zu sehen, aber es lohnt sich. Auf überflüssige Extras verzichtet der Verlag, legt aber ein inhaltlich ergänzendes 52-seitiges Heft bei.

Autor: Norbert Paul

 

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Studenten für den Krieg

Im Seminar „Menschenrechte in Filmen“ schauten wir uns den Film „Hotel Ruanda“ an. Danach kam die Frage auf, warum dieses Massaker nicht verhindert wurde. Unter dem Eindruck des Films, waren sich eigentlich alle einig, dass man etwas gegen ein solches Massaker tun müsse, notfalls militärisch. Das wunderte mich schon etwas als plötzlich für Kampfeinsätze der Bundeswehr zum Schutz von Opfern von Völkermorden gesprochen wurde. Schließlich will man ja eigentlich keine Gewalt anwenden und alles friedlich lösen. Man hat ja auch gesehen wie lange es gedauert hat bis im ehemaligen Jugoslawien eingegriffen wurde. Es erklärten sich auch recht viele spontan dazu bereit, an einer Demonstration in Berlin teilzunehmen. Die Frage ist natürlich ob das nach einer Woche noch der Fall ist, wenn die Eindrücke des Filmes verblasst sind. Aber immerhin lässt sich langsam eine Änderung des verhängnisvollen Pazifismus und „Frieden um jeden Preis“ erkennen.

Die Forderung ist natürlich utopisch, aber durchaus berechtigt. Einerseits spuckt man große Töne, das es die Verantwortung Deutschlands und der Welt wäre, einen Völkermord in jedem Falle auch militärisch zu beenden. Und nach den UNO Grundsätzen sind die Mitgliedsstaaten auch verpflichtet dies zu tun, doch wenn es hart auf hart kommt wird nichts getan. Wer den Amerikanern vorwirft, sich nur dort zu engagieren, wo ihre Interessen tangiert sind, sollte vielleicht erstmal vor der eigenen Haustüre nachsehen. Und auf die Frage, warum die Amerikaner immer irgendwo eingreifen, kann man ganz einfach antworten, weil es sonst niemand tut.

Das Ganze ist natürlich nur ein Symptom eines Systems das eine doppelte Moral fördert. Während wir darüber diskutieren, ob man guten Gewissens noch die Olympiade in China anschauen kann, gehen in anderen Gegenden die Menschen auf die Barikade, weil sie sich nichts mehr zu essen leisten können. Das Problem dabei ist, dass man einerseits einfach kein konsequentes Handeln an den Tag legt, und sich nicht mal entschieden hat was man will.

Wenn man die Menschenrechte, die eine Erfindung der Europäer sind, weltweit verbreiten und schützen will, dann müsste man auch bereit sein dies notfalls mit Waffengewalt zu tun. Das heist nicht, dass man jetzt wegen jedem bischen in ein Land einmarschiert, doch bei solchen Fällen, wo massenweise Menschen abgeschlachtet werden, kann man nicht einfach danebenstehen. Wie fatal das Nichteingreifen im Falle Ruanda war, davon kann der damalige UN Befehlshaber General Dallaire ein Lied singen.

Was wäre also zu tun? Die schon seit Jahren geplante schnelle Eingreiftruppe der EU müsste endlich aufgestellt werden und auch explizit dafür einen Auftrag haben. Die Bundeswehr müsste endlich auf die heutigen Anforderungen angepasst werden und zu einer gut ausgebildeten und ausgestatteten Berufsarmee werden. Wesentlich kleiner, aber dafür besser ausgestattet. Man könnte natürlich auch eine Fremdenlegion nach französischem Vorbild aufbauen. Statt ein bewaffnetes Rotes Kreuz oder THW zu sein, müsste man die Bundeswehr auf Kampfeinsätze in allen Gebieten der Welt vorbereiten. Dazu müsste man aber die Dinge beim Namen nennen. Und dazu sehe ich die Politik zur Zeit nicht in der Lage. Es wird aus verschiedenen Gründen an einem System festgehalten, durch das die Bundeswehr schon bei den derzeitigen Auslandseinsätzen vollkommen überfordert ist, dabei sind „nur“ ca. 7380 Soldaten im Einsatz.

Artikel im Stern über die Vorgänge bei der UNO

Ein Artikel von Dalleire in der TAZ

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