Höflicher Diskurs

Vor ein paar Tagen sah ich dieses Video bei TED. Es geht um Diskurs und am Beispiel der amerikanischen Demokraten und Republikaner gezeigt, wie diese beim Versuch die jeweils andere Fraktion zu überzeugen, aneinander vorbei reden. Die Lösung, die hier vorgeschlagen wird, verlangt einiges an Empathie. Man muss sich nämlich fragen, was ist für die Gegenseite besonders wichtig und wie kann ich in deren Kontext meine Ziele vermitteln. Das heißt eben auch, deren Begriffe zu benutzen, um überhaupt die Aufmerksamkeit der anderen zu bekommen.

Das erinnerte mich auch noch an eine Diskussion die ich letztens hatte. Es ging um die Frage, wie ich „westliche“ Werte Menschen anderer Kulturen vermittle, ohne gleich diese als Rückständig abzuwerten. So wäre es eine gute Methode, zu schauen, welche Werte und Ziele vorhanden sind und wo es Anknüpfungspunkte gibt, die ein Verstehen und die Kommunikation erleichtern. Denn eigentlich haben alle Menschen gemeinsam das Ziel ihr Leben bestmöglich zu gestalten. Die Art und Weise kann aber eben sehr unterschiedlich sein.

Man sollte also immer auch einen Blick hinter den Vorhang werfen und nicht das offensichtlichte Verhalten bewerten, ohne den Kontext an Gründen dazu. Das heißt aber eben auch, den „Gegner“ nicht zu verteufeln sondern einen Schritt zurückgehen und die Moral mal beiseite lassen und selbst zu verstehen.

 

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Der verlorene Diskurs

Das soziologische Kaffeekränzchen hat sich inzwischen erweitert. Kolame ist dazu gestoßen. Das heißt, ich werde in diesem Beitrag gleich auf drei andere Beiträge eingehen.

Zuerst zum Beitrag von Kolame. Dazu ein Zitat:

„[…] wer sich darüber freut, in einem Blog schreiben zu können was si*er möchte und damit vielleicht tatsächlich eine partikulare Öffentlichkeit zu erreichen, der muss sich auch darüber freuen, wenn Personen anderer politischer Gesinnung das tun. Das ist dann wahre demokratische Einstellung, aber fraglich scheint mir, ob das überhaupt funktioniert.“

Das ist ja eine, im Moment, viel diskutierte Tatsache. Nicht nur die „Guten“ können im Internet alles schreiben, sondern auch die „Bösen“. Ich bin allerdings der Meinung, dass dies etwas Gutes ist. Abgesehen davon, könnte ja überhaupt kein Diskurs entstehen, wenn sich nur eine Seite auslassen darf. Und wenn wir jetzt mal strafrechtlich relevantes ausklammern, dann sollte man damit leben können, dass auch andere Meinungen geäußert werden, auch wenn sie einem nicht gefallen. Wer Pluralität will, der kann sich nicht nur die Rosinen rauspicken.

Etwas worauf ich auch in früheren Beiträgen schon hingewiesen habe, das Ziel kann nicht die Vernichtung des Gegners sein. Man muss sich damit abfinden, dass es immer Menschen mit anderer, im Zweifel auch Menschenverachtender, Einstellung geben wird. Das mag zwar nicht schön sein, lässt sich aber nicht verhindern. Das Ziel muss sein, genügend Menschen davon zu überzeugen, solchen Meinungen nicht anzuhängen. Wenn es nur noch um die Vernichtung des Gegners geht, dann ist Diskurs sinnlos, denn so etwas ist einfach Krieg, der mit Worten als Waffe geführt wird und manchmal auch in körperlicher Gewalt endet.

Advi beschäftigt sich mit etwas, das bisher eher nur implizit vorkam, aber eine wichtige Komponente ist, nämlich die Identität und deren Entstehung.

„ Menschen sind also das, was sie denken, das sie sind. Diese Identität wird aber auf zwei Arten während unserer andauernden Sozialisation generiert. Die übliche Variante funktioniert durch negative Selbstzuschreibung. Das bedeutet, dass Identität darüber generiert wird, dass die Person ein außen wahrnimmt und sich von diesem Außen abgrenzt. Daraus wird dann gedacht, dass sich auch ein definiertes Innen also eine definierte Identität ergibt. Das ist aber nicht wahr. Die unübliche Variante, der positiven Selbstzuschreibung“

Das ist eine ganz wichtige Feststellung. Solange Identität negativ generiert wird, enthält sie immer eine feindselige Komponente, die leicht ausgenutzt werden kann. Ich habe schon öfter festgestellt, dass meine Sichtweise nach dem Motto „Das sind ja eben auch nur Menschen wie wir, die ein gutes Leben leben wollen“ nicht weit verbreitet ist. Es wird immer gesagt, die Flüchtlinge, die Moslems, die [Wunschgruppe einfügen], wollen irgendwas. Dass es sich dabei eben auch nur um Menschen handelt, die ihre Familie in schweren Zeiten durchbringen wollen und ganz normale Bedürfnisse haben, kommt dabei gar nicht erst auf. Das wird durch die Gruppenzuweisung und Abgrenzung verhindert. Damit wird jeder der nicht zur eigenen Gruppe gehört zur potentiellen Gefahr. Und zwar zu einer Gefahr für einen persönlich und die eigene Identität. Ein Phänomen, das man im Alltag oft beobachten kann, wenn Leute die Lebensweise anderer vehement ablehnen, obwohl sie selbst davon überhaupt keine Nachteile haben.

Zur Lösung schlägt er vor einen Raum für Diskurs zu schaffen, der bestimmte Eigenschaften aufweist.

„Wenn es das Ziel ist, dass die verschiedenen Gruppen wieder miteinander in den Diskurs treten, dann muss neben den ganzen technisch-praktischen Problemen, die erörtert wurden, auch ein Raum geschaffen werden, in dem Identität in den Hintergrund tritt. Ein sozialer Raum in dem das wer ich bin nicht so wichtig ist, wie das was ich möchte. In dem aus dem „works for me“ ein „works for us“ oder wenigstens ein „works for most of us“ wird.“

Als Weg dazu sieht er „Selbstfindung als Kulturtechnik“ und Empathie. Letzteres hatte ja schon die Vrouwelin gefordert. Gleichzeitig stellt er aber fest, dass die Schule dies im Moment nicht leistet. Ich bezweifle auch, dass die Schule der richtige Ort dafür ist. Denn die Schule dient der Zuweisung von Lebenschancen und dem potentiellen Platz in der Gesellschaft. Da es dabei Gewinner und Verlierer gibt, ist für Empathie keinen Platz und die Identitätsfindung dort basiert auf Rivalität und Leistung und damit auch wieder eher negativ als Abgrenzung.

Ich frage mich auch, ob es so einen Raum überhaupt gibt. Das Internet wäre ja potentiell so ein Raum. Man kann sich dort eine virtuelle Identität zusammenbauen. Theoretisch also, sollte dort die Identität keine Rolle spielen. Tut sie aber anscheinend doch. Das Problem liegt also eher bei den Menschen selbst, als am Raum. Oder bestimmt der Raum die Menschen? Auf jeden Fall müsste man viel früher ansetzen, um eine positive Identitätsbildung zu fördern.

Was folgt jetzt aus alldem? Für den demokratisierten Diskurs gelten theoretisch die gleichen Regeln für den professionellen Diskurs, wie er früher durch Journalisten und Politikern geführt wurde. Es fand zwar auch ein privater Diskurs statt, doch war der eben auf die eigene Peergroup, wie den  beschränkt. Im  erweiterten Diskurs im Internet, an dem quasi jeder mit einem Internetzugang teilhaben kann, gibt es dann diverse Probleme, die wir ja in diesem Kaffeekränzchen beleuchten wollen.

Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, in dem der derzeitige Diskurs und wie er aufgebaut ist, wieder in den Fokus gerät. Was passiert eigentlich genau und warum? Mir scheinen die Anforderungen an diesen Diskurs eher höher, bzw. unerreichbar durch die schiere Anzahl an Beteiligten, die quasi nie gelernt haben, wie so etwas abläuft und die Mechanismen und auch ihre eigene Rolle nicht durchschauen oder hinterfragen.

Bleibt es also für immer und ewig ein Raum in dem Jeder irgendwas rumschreit aber niemand zuhört?

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Make Diskurs great again

Als Ergänzung zu http://www.advdiaboli.de/2016/11/10/einfach-mal-die-fresse-halten-und-machen/ und https://vrouwel.wordpress.com/2016/11/13/fresse-halten-machen-oder/ sowie meinem Artikel zum Thema  möchte ich noch ein paar Sachen genauer ausführen. Ausgangspunkt ist diese Unterhaltung auf Twitter, in der unter anderem auf dieses YT Video von Jonathan Pie und den Artikel von Sibylle Berg verwiesen wird.

Dies alles fast nochmal zusammen, woran es bei der US Präsidentschaftswahl und drumherum gehapert hat.  Und auch in Deutschland wunderte man sich über die Wahl in Mecklenburg Vorpommern und das gute Abschneiden der AfD. Hält auch nochmal fest, dass Clinton nicht verloren hat, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie das bisherige System repräsentiert wie kaum ein anderer und das Argument, sie ist besser als Trump, nunmal kein überzeugendes Argument ist und für viele wohl auch nicht war. Das fehlt mir übrigens auch in der politischen Diskussion in Deutschland. Es wird immer gesagt. Wofür die AfD steht, aber niemals wofür die anderen Parteien und was genau daran besser ist. Theoretisch ist das zwar klar, aber die fehlende Artikulation macht es nicht besser. Wenn man sich nur über das Gegenteil dessen Definiert, was der politische Gegner ist, dann wird man von diesem Abhängig. Und man lenkt die Aufmerksamkeit von sich weg. Ich wage mal zu bezweifeln, dass dies eine sinnvolle Strategie ist.

Aber das nur am Rande und als Rahmung. Des Pudels Kern für mich, ist die fehlende Diskussion. Man sagt den Linken ja gerne nach, sie würden alles totdiskutieren, zumindest intern. Nach außen hin wurde aber eben nur noch per Beschimpfungen, Schubladen und wohl klingenden –ist und –ismen um sich geworfen.  Jeder der die falschen Worte benutzt oder offen zugibt Sympathie für Trump und Konsorten zu haben, wurde zum Sexisten, Rassisten oder sonst was abgestempelt. Das Problem ist, es führt zu nichts. Zum einen, es stimmt einfach nicht für die große Mehrheit. Klar gibt es diejenigen, die Clinton nicht gewählt haben weil sie eine Frau ist, oder Obama weil er Schwarz ist. Andere wiederum wollen wirklich eine rein weiße Bevölkerung oder wollen Schwule, Muslime usw. in Lager stecken. Das sind aber die Extreme. Diese Leute kann man dann auch nicht mehr mit guten Worten erreichen. Aber dieser kleine Prozentsatz wird es immer geben und hat es immer gegeben. Damit muss man sich halt abfinden. Finde ich auch nicht gut, aber es gibt wichtigere Zielgruppen.

Ich möchte die in der Mitte erreichen. Es ist nicht alles Schwarz und Weiß. Die Meisten Menschen sind da eher grau. Sie sind weder heilige noch Dämonen. Sie wollen einfach nur ein sicheres Leben führen und haben verständlicherweise auch nur ihre eigene Sichtweise aus ihrer Situation heraus.

Was nämlich passiert, wenn man Leute offen in Schubladen packt und sie beschimpft, sollte ja eigentlich jeder wissen. Das (un)lustige ist ja, dass das von Leuten kommt, die selbst nicht in Schubladen gesteckt werden wollen und Toleranz predigen. Mal so als Beispiel, wenn man sagt, „Homosexuelle sind auch nur Menschen“, dann muss man auch sagen, dass Menschen die etwas, aus welchem Grund auch immer, gegen diese Gruppe haben, auch erstmal Menschen sind. Wenn wir von dieser Prämisse ausgehen, dann ist der erste Schritt getan. Man muss die Leute ernst nehmen, und zwar nicht im Sinne von, ihren Forderungen mehr oder minder uneingeschränkt zu entsprechen, was ja in Deutschland seit Jahrzehnten in der Politik gang und gäbe ist, sondern, klar zu machen, ich bin zwar anderer Meinung, aber ich höre dir wirklich zu und nehme die Argumente ernst. Das muss natürlich auch die Gegenseite tun. Ansonsten wird die Sache recht einseitig. Sofern das der Fall ist, dann ist die Diskussion schon mal im Gange. So weit so gut.

Anmerkung: Um jetzt keine Diskussion wie „man kann doch keine rechten Meinungen übernehmen!!“ aufkommen zu lassen, soll das folgende eher als allgemeiner Vorschlag betrachtet werden. Und wie ich schon ausführte, gilt dies vor allem für diejenigen die keine Extremisten sind, sondern noch irgendwie erreichbar.

Die Zielsetzung: Die Zielsetzung ist natürlich, den jeweils anderen von seiner Meinung zu überzeugen. Und das ist einerseits verständlich, birgt aber auch eine Gefahr. Nämlich dann, wenn es zu einer Erwartungshaltung wird. Wenn also erwartet wird, dass der Andere am Ende der Diskussion sagt, ja du hast Recht ich bin jetzt deiner Meinung. Das wird natürlich nicht immer passieren. Vielleicht hat man nur zum Nachdenken angeregt oder die Meinung wurde nur teilweise geändert. Das ist wohl dann eher die Regel als die Ausnahme. Deswegen sollte man aber weiterhin nicht sagen, der/die ist blöd. Vielleicht waren nur die eigenen Argumente noch nicht gut genug. Andererseits sollte man eben auch selbst offen sein für die Argumente der anderen um besser zu verstehen, warum sie der Meinung sind. Verständnis ist eben auch der Weg um zu lernen. Ist jedenfalls meine Prämisse. Die Zielsetzung wäre also erst einmal verstehen und lernen und dadurch den eigenen und den anderen Standpunkt besser zu verstehen und damit auch die eigenen Argumente zu schärfen.

Kommen wir nochmal auf die bereits erwähnte Erwartungshaltung an. Ich glaube das ist das wichtigste überhaupt, weil sie unterschwellig die eigenen Ansprüche an Diskussionen und das Verhalten in diesen steuert. Ich kann hier nur für mich sprechen und einen Vorschlag unterbreiten.

Ich erwarte, dass man meinen Argumenten erst einmal zuhört und ernst nimmt und sollte sich im Verlauf der Diskussion herausstellen, dass ich nicht umstimmbar bin, sondern weiterhin meine Argumente für besser halte, dies auch anerkannt und toleriert wird. Dass ich nicht beschimpft und persönlich beleidigt werde, nur weil ich meine Meinung beibehalte. Demokratie und Pluralismus sind anstrengend und man muss damit leben, dass es viele andere Menschen mit einer anderen Meinung gibt. Das muss man aushalten. Alles andere führt nur in den Totalitarismus. Um auch mal einen –ismus anzubringen. ;-) Gleichzeitig verhalte ich mich natürlich ebenso. Ich versuche meine Filterblase in den sozialen Medien möglichst vielfältig zu halten und blocke nicht einfach Leute, nur weil ich deren Meinung nicht gut finde. Es gibt viele Sachen, die ich nicht gut finde, und trotzdem spreche ich Menschen nicht das Recht ab dies weiterhin zu tun, sofern sie damit niemandem schaden oder gegen Gesetze verstoßen. Dasselbe verlange ich eben auch für mich.

In der Politik heißt das eben auch, dass man klar machen muss wofür man steht, und nicht nur sagen, die anderen sind der Teufel, wählt lieber uns weil wir kämpfen für die „gute Sache“.  Man sollte nie vergessen, für die „gute Sache“ sind Millionen gestorben, für die „böse Sache“ wahrscheinlich kein einziger.

Wie ich schon in der Diskussion auf Twitter anmerkte, wenn es mal wieder zu einer richtigen Diskussion kommt, jeder mal einen Schritt zurück geht und sich entspannt, dann hat sich der Wahlsieg Trumps wohl gelohnt. Niederlagen sind auch immer eine gute Gelegenheit zu lernen und besser zu werden. Die perfekte Welt wird es niemals geben, aber man kann sie eben auch etwas besser machen, indem man Menschen wie eben solche behandelt und mit ihnen redet statt über sie.

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