T.W. Adorno: Resümee über die Kulturindustrie

Adorno bezieht sich auf das Buch Dialektik der Aufklärung, das er zusammen mit Horkheimer geschrieben hatte. Er betont, dass sie darin den Begriff der Massenkultur durch den Begriff der Kulturindustrie ersetzt haben. Adorno begründet dies damit, dass der Begriff Massenkultur impliziert, dass diese Kultur von den Massen selbst gestaltet wird. Da er aber davon ausgeht, dass die Massenkultur von Oben gestaltet und gesteuert wird, erscheint ihm der Begriff der Kulturindustrie passender und unmissverständlicher (vgl. Adorno, S. 202). Der Begriff der Industrie bezieht er auf die standardisierten Inhalte und Verbreitungstechniken, aber nicht auf die Art der Produktion (vgl. Adorno, S. 204).

Die Rezipienten sind Objekte der Kulturindustrie, die Inhalte sind auf die Masse zugeschnitten und richten sich nach den Profitinteressen der Kulturindustrie. Die Kunst wird damit zur reinen Ware (vgl. Adorno, S. 202f). Adorno geht von einer Zweiteilung der Kunst aus. Die niedere und die hohe Kunst werden nach Adorno durch die Kulturindustrie zusammengebracht. Dadurch verliert die hohe Kunst ihre Ernsthaftigkeit und die niedere Kunst wird um ihr rebellisches Potential gebracht (vgl. Adorno, S. 202).

Die Kulturindustrie ist nach Adorno nur scheinbar innovativ und bietet nicht wirklich Neues an. „Was in der Kulturindustrie als Fortschritt auftritt, das unablässig Neue, das sie offeriert, bleibt die Umkleidung eines Immergleichen […]“(Adorno, S. 203). Der Sinn der Inhalte und das Ziel der Kulturindustrie ist es, die herrschende Ordnung aufrecht zu erhalten. Doch die Lösungen und die Konflikte, die die Kulturindustrie dem Publikum zeigt, sind laut Adorno nur Scheinlösungen, die wiederum dazu dienen die Menschen zur Akzeptanz der gegebenen Ordnung zu bewegen und den Autoritäten zu gehorchen. Adorno kritisiert, dass anstelle des Bewusstseins die Anpassung getreten sei (vgl. Adorno, S. 207).

Kritik wird aufgrund der sozialen Rolle der Kulturindustrie, die ja die herrschende Ordnung erhalten will, unterdrückt. Die Qualität oder der Wahrheitsgehalt der Inhalte sind nicht wichtig, solange sie ihren Zweck erfüllen (vgl. Adorno, S. 205).

Der Effekt dieses Vorgehens bezeichnet Adorno als Anti-Aufklärung. Das heißt, die Kulturindustrie verhindert, dass die Masse zu selbst denkenden und entscheidenden Individuen wird, so wie es die Aufklärung vorsah (vgl. Adorno, S. 208).


„Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufklärung.“

Großen Einfluss hatte vor allem die Erfahrung mit dem Faschismus und Stalinismus auf die Theorie von Adorno. Diese totalitären Regime sollten eigentlich in einer aufgeklärten Welt nicht entstehen. Der Titel Aufklärung als Massenbetrug, zeigt hier schon, dass seine Theorie vor allem eine Kritik an den Medien ist. Die Medien tragen mit einer scheinbaren Aufklärung zur Bildung von gleichförmiger Massenkultur bei (vgl. Leschke, S. 176).

Adorno definiert die Aufklärung, als „fortschreitende technische Naturbeherrschung“, die zum selbständig und bewusst urteilenden und entscheidenden Menschen führt ( Adorno, S. 208). Dies sieht er als Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft, die nur mit solchen Individuen auf Dauer möglich ist. Die Aufklärung will also die Freiheit des Menschen erreichen. Ein aufgeklärter Mensch ist zur Kritik fähig. Auch an der Kritik am bestehenden Herrschaftssystem. Dabei verdrängte die Aufklärung die religiöse Ordnung des Mittelalters. Allerdings führte dies zu einer neuen Ordnung, die Adorno in den Medien sieht, die alles gleich machen und Abweichung nicht duldet. Ja die sogar aktiv dafür sorgt, dass die „richtigen“ Verhaltensweisen dem Rezipienten so lange gezeigt werden, bis auch der Letzte auf Linie gebracht ist. Dies läuft natürlich der Intention der Aufklärung entgegen (vgl. Leschke, S. 177).
Die Kulturindustrie sorgt dafür, dass das Individuum in der Masse aufgeht, und es will mit ihren Botschaften zu einer kritiklosen Hinnahme der gegebenen Herrschaftsverhältnisse erziehen (vgl. Adorno, S. 208). So versucht die Kulturindustrie den Prozess der Aufklärung umzukehren. Der freie Mensch steht also am Anfang, statt am Ende der Entwicklung. Der freie Mensch wird durch die gleichförmigen, standardisierten Inhalte der Medien in seiner Entwicklung gehemmt. Er kommt nicht dazu sich umfassend zu informieren, da jede Information, die er aus den Medien erhält darauf abzielt die herrschende Meinung und die Herrschaftsstruktur zu bestätigen. Das führt zur, wie Adorno es ausdrückt, „Fesselung des Bewusstseins“(Adorno, S. 208). Die Aufklärung, die den Menschen aus der Unmündigkeit, aus der Religion herausführen wollte, wird durch die Kulturindustrie in ihr Gegenteil verkehrt.

Die Kunst, die eigentlich zur Kritik fähig ist, wird durch die Kulturindustrie vereinnahmt und so um ihr kritisches Potential gebracht (vgl. Adorno, S. 202).

Die Medien betrügen also die Menschen durch eine Scheinaufklärung, die sie mehr oder minder unterbewusst auf die Linie des herrschenden Systems bringt. Diese Scheinaufklärung hat genau den gegenteiligen Effekt den die Aufklärung beabsichtigte. Daher definiert Adorno diese Entwicklung vor dem Hintergrund der totalitären Regime in Europa entsprechend als Anti-Aufklärung.

Diese Sichtweise hat sich in den Köpfen festgesetzt. Jedwede Fernsehkritik, die die Qualität bemängelt, bezieht sich zumindest implizit auf Adorno. Allerdings ist es aus meiner Sicht fragwürdig, Unterhaltung zu verdammen und die Medien quais zwanghaft zur Bildung nutzen zu wollen. Es wird ja auch niemand gezwungen etwas zu sehen. Ob die Theorie im Zeitalter des Internets überhaupt noch haltbar ist, bezweifle ich stark. Zudem wird eine starke Medienwirkung unterstellt, die bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Literatur

Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie. In: Pias, Claus u.a. (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur – Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart: DVA, 4. Auflage 2002. S. 202-208. Zit. Nach: Ders.: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica, Frankfurt/Main 1967, S60-70.
Leschke, Rainer: Einführung in die Medientheorie. München: Fink 2003. S. 176 – 183.

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