Karl Mannheim: Das Problem der Generationen

In seinem Text, „Das Problem der Generationen“, der 1928 in der Zeitschrift „Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie erschienen ist, versucht Karl Mannheim ein Konzept für eine Theorie zur soziologischen Generationenproblematik zu entwerfen.

Mannheim nimmt für sein Konzept Anleihen bei Marx und dessen Klassentheorie. Mannheims definiert seinen Begriff des Generationenzusammenhangs „[…] als besonderen Typus der sozialen Lagerung […]“ (Mannheim, 41). Gleichzeitig ist durch diesen Begriff keine konkrete soziale Gruppe gemeint, sondern nur ein „bloßer Zusammenhang“ (Mannheim, 39). Diese Lage, die die Möglichkeiten des Erlebens und Verarbeitens eines großen Ereignisses bestimmt, nennt er Generationslage. Sie wird durch den biologischen Rhythmus der Generationen bestimmt und beinhaltet Geburtsjahrgänge, die durch die gleichen Möglichkeiten des Erlebens miteinander „verwandt“ sind (vgl. Mannheim 41). Wobei der Unterschied zwischen Generationenlage und Generationenzusammenhang nicht ganz klar wird.

Sein Konzept hebt dabei vor allem auf die Erklärung des sozialen Wandels ab. Dieser soll durch die immer wieder neu entstehende Jugend erklärt werden, die jeweils einen neuen Zugang zu Kultur hat und dadurch Veränderungen bewirkt. Daher führt Mannheim fünf Grundphänomene auf, die durch die Tatsache des Lebens und Sterbens der Menschen begründet sind und durch die unsere Gesellschaft geprägt werden.

Die Kulturschöpfung und -akkumulation erfolgt stets durch neue Kohorten, die jeweils einen neuen Zugang zur bereits entwickelten Kultur haben und so Veränderungen herbeiführen können (vgl. Mannheim 43f). Durch das stetige Absterben der vorhandenen Kulturträger erfolgt ein Vergessen, das für die Erneuerung nötig ist. Die junge Generation ist noch nicht durch viele Erfahrungen beeinflusst und kann damit freier agieren (vgl. Mannheim 44ff). Die Träger eines Generationenzusammenhangs erleben nur einen zeitlich begrenzten Abschnitt der Geschichte. Dazu kommt der Begriff der Erlebnisschichtung. Mannheim postuliert, dass die Erlebnisse in der Jugendzeit am meisten prägen. Auf diese erste Schicht der ersten Eindrücke, kommen später weitere Erlebnisse, die aber bei weitem nicht so prägend sind. Gleichzeitig definiert er den Begriff der Lagerung genauer, in dem er diese als die potentielle Möglichkeit definiert, ein verbindendes Ereignis zu erleben. Als Beispiel führt er die Jugend um 1800 in Deutschland und China an, die keine Möglichkeit der gleichen Erlebnismöglichkeiten hatten. Der zeitliche Aspekt des Geburtsjahrgangs ist also nur eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung. Dies wird erst mit den potentiell gleichen Erfahrungen erreicht (vgl. Mannheim 46f). Die Beeinflussung ist aber keine Einbahnstraße. Durch die Notwendigkeit der Tradierung stehen, nach Mannheim, die Generationen in Wechselwirkung und beeinflussen sich Gegenseitig (vgl. Mannheim 48f).

Jürgen Zinnecker hat in einem Beitrag 2003 Mannheims Text unter dem Gesichtspunkt analysiert, in wie weit sich das Konzept der Generationen nach Mannheim noch in der heutigen Zeit anwenden lässt. Er hat einige Kritikpunkte herausgearbeitet, die ich zunächst aufzählen und danach diskutieren möchte.

1. Mannheims Theorie beinhaltet nur Generationen auf der Makroebene. Zinnecker plädiert dabei für eine Theorie, die alle Ebenen umfasst, da die aktuellen Diskurse auch auf Generationen-Probleme in Familien oder Organisationen abzielen (vgl. Zinnecker, 45ff).

Wenn man Generationen nicht nur auf der Gesamtgesellschaftlichen zu erfassen, sondern den Begriff durch auf die Ebenen darunter erweitert, so kommt man nicht umhin ihn zu verwässern. Oder aber, man müsste mehrere Definitionen von „Generation“ nebeneinander zulassen und seine eigene Auslegung jeweils darlegen. Gerade auf der familialen Ebene beinhaltet der Begriff eher die Dimension der Geburtsfolge. Mannheim dagegen, geht es meiner Einschätzung nach eher um prägende Ereignisse, die sich zwar sicher auch auf die Familie auswirken, doch müssen diese Ereignisse so groß und so prägend sein, dass sie gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben müssen. Andernfalls könnte es nicht zu einer Bildung von Generationen kommen. Hier stellt sich auch das Problem der Abgrenzung der Begriffe Generation und Kohorte.

2. Zinnecker möchte den Generationenbegriff, der von Mannheim als einen Faktor der gesellschaftlichen Veränderung sieht, um den Aspekt der Integration erweitern. Seine Frage ist also, kann Generation auch integrierend wirken (vgl. Zinnecker, 45ff)?

Zum integrativen Potential führt Zinnecker das Beispiel der 68er Generation an, die Heinz Bude erforscht hat. Dabei ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Identifikation mit dieser Gruppe eher einer eigenen Orientierung dient, als dass sie Auswirkungen auf das Handeln des Einzelnen hätte (vgl. Zinnecker, 47f). Dazu muss man sagen, die Akteure der 68er Bewegung waren auch nur eine kleine Elite. Von daher trifft zumindest auf diese Bewegung noch der Eliteansatz von Mannheim zu, auch wenn sich viele aus verschiedenen Gründen dazu rechnen. Als Integrationsfaktor anstelle von Staat oder Familie ist Generation sicher nicht geeignet. Generationen werden meist erst im Nachhinein definiert und so gesehen. Von daher ist Budes Ergebnis schon plausibel. Der gesamtgesellschaftliche Rahmen ist auch für ein Individuum meiner Meinung nach zu groß um daraus ein nachwirkendes Zugehörigkeitsgefühl entstehen zu lassen.

3. Mannheims Fokus auf die Jugend stellt Zinnecker in Frage. Er fragt sich, ob es nicht auch in der Zeit danach noch prägende Ereignisse geben kann, die zur Entstehung einer Generation führen können (vgl. Zinnecker, 45ff).

Zinnecker argumentiert hier mit der Namensgebung von „Generationen“, die heutzutage eher auf technischem Gebiet verortet ist. „Generation Golf“, Generation Internet“ sind hier nur zwei Beispiele (vgl. Zinnecker, 51). Statt der Jugend und ihren Erfahrungen, wie noch bei Mannheim, wird hier, unabhängig vom Alter, eine technische oder Mediale Epoche als Generationsstiftend angesehen und zu einer Benennung genutzt. Dabei wird, wie Zinnecker aufzeigt, impliziert, dass wie bei der Technik, die nächste Generation jeweils besser ist als die vorherige (vgl. Zinnecker, 51). Durch diese Altersunabhängigkeit wird natürlich implizit davon ausgegangen, dass prägende (Medien und Technik)Erfahrungen in jedem Lebensalter möglich sind. Hier wäre also nur der Zeitpunkt der Geburt entscheidend, um ein Erleben dieser Ereignisse möglich zu machen. Ob dies in der Jugend, in der Kindheit oder im hohen Alter passiert, ist dabei nicht wichtig.

4. Mannheim spricht in seinem Konzept nur von Eliten. Einer kleinen Gruppe, die zur Entstehungszeit des Textes Zugang zur Hochkultur hatten. Inzwischen hat sich in dieser Hinsicht einiges Verändert. Neben der Hochkultur gibt es die Popkultur, durch die eine viel größere Gruppe an Menschen potentiell zu einer Generation werden könnten diese müsste also auch berücksichtigt werden (vgl. Zinnecker, 45ff).

Der Aspekt der Popkultur und insbesondere des Internets, das die Kommunikation revolutioniert hat, ist sicher ein wichtiger Faktor für die Generationenforschung. Mannheims Theorie lässt sich aber auch hier noch anwenden, wenn es um die Möglichkeit der gemeinsamen Erfahrung geht. Allerdings ist die Kommunikation direkter geworden. Hier kommt auch wieder der Aspekt des Alters hinzu. Die heutige Kommunikationstechnik ist unabhängig vom jeweiligen Alter zugänglich. Während in der Anfangszeit des Internets noch Programmierkenntnisse nötig waren um Inhalte zu publizieren, wird dies Heute durch fertige Software stark vereinfacht. Eine Identifikation über Altersgrenzen hinweg ist somit also nicht ausgeschlossen. Auf Youtube gibt es Beispiele, wo alte Menschen über ihre Erfahrungen berichten und Menschen aller Altersklassen sehen sich diese Videos an und produzieren wiederum Videoantworten. Ob diese Erfahrung der fast grenzenlosen Kommunikation ausreicht um sich einer Generation zugehörig zu fühlen, oder das Internet als Plattform zur Konstitution von Gruppen mit gemeinsamen Erfahrungen dient, kann nur die Forschung klären.

Mannheims Theorie hat auch in der heutigen Zeit nicht an Reiz verloren. Man muss sicherlich feststellen, was aus den äußeren Umständen der zeit resultiert und welche Aspekte auch heute noch anwendbar sind. Die Frage ob potentiell prägende Ereignisse nur in der Jugend eine entsprechende Wirkung entfalten oder auch später noch, ist auch eine Frage, ob man im Alter noch innovativ sein kann. Mannheim selbst gesteht der älteren Generation ja eine Offenheit für die Ansichten der Jugend zu, wenn er die Rückwirkung des Schülers auf den Lehrer betont. Die Gefahr die bei der Nutzung des Generationenbegriffs als „plakative Bezeichnung“ besteht, ist die Verwässerung des Begriffs. Gerade bei Technik und Medien sind die Zyklen so kurz, dass man die „Generationen“ eigentlich kaum mehr unterscheiden kann, sofern man dieses Raster nutzt. Zu klären wäre also welche Faktoren zu einer Generationenbildung führen können und den Begriff der Generation auf Grundlage Mannheims weiter zu entwickeln.

Literatur

Mannheim, Karl: Das Problem der Generationen. In: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie 7 (1928/29), S. 157-184. Teilweiser Nachdruck in Kohli, M. [Hrsg.]: Soziologie des Lebenslaufs. Darmstadt/Neuwied, S. 33-53, 1978.

Zinnecker, Jürgen: „Das Problem der Generationen“. Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem Text. In: Reulecke, J. [Hrsg.]: Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. In: Gall, L. [Hrsg.]: Schriften des Historischen Kollegs. Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München, 2003.

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