Ist die Soziologie noch (gesellschaftlich) relevant?

In den letzten Tagen sind mir zwei kritische Artikel über den derzeitigen Status der Soziologie untergekommen. Da wäre der Artikel aus der Neue Zürcher Zeitung von Daniela Kuhn. Ein mir etwas sprunghaft erscheinender Artikel darüber, dass die Soziologie überfordert ist und nicht viel über die Zukunft sagen kann. Er basiert wohl auf einem Interview mit dem Basler Soziologieprofessor Max Bergman.

Gleich unter dem Titelbild steht als Unterschrift: „Wie wird unsere Welt morgen aussehen? Die Soziologie ist mit dieser Frage überfordert.“ Da stellt sich mir die Frage, welche Wissenschaft ist das nicht? Die Zukunft voraussagen ist extrem schwierig.

Schließlich kommt die Autorin zu einem Problem, das auch im Artikel von Professor Patterson von der Harvard Universität angesprochen wird. Der Abwesenheit der Soziologie im öffentlichen Diskurs und die mangelnde Teilnahme von Soziologen bei der Gestaltung von Politik.

Als Gründe dafür werden unter anderem die große Spezialisierung und dass wichtige Ergebnisse selbst für gebildetes Publikum nicht mehr verständlich sei. Ebenso die mangelnde Wertschätzung von angewandter Forschung.

Als Ergänzung dazu ist noch ein Interview mit der Journalistin Conny Schmid, selbst studierte Soziologin, verlinkt, die die Sache aus journalistischer Sicht beleuchtet. Sie bemängelt unter anderem auch den mangelnden Zugang zu Informationen über soziologische Erkenntnisse.

Im Grunde haben alle schon Recht. Soziologen arbeiten meist eher im Hintergrund. Es gibt aber auch angewandte Wissenschaft von Soziologen. Ich selbst habe angewandte Wissenschaft im Bildungsbereich betrieben. Ob die Ergebnisse dann auch in der Realität Anwendung finden oder nicht hängt dann aber weniger von den Wissenschaftlern als von Politikern ab. Politiker haben aber eine ganz eigene Sicht der Dinge und manchmal stören Fakten da auch nur. Es kommt ja immer mal wieder heraus, dass Studien mit „unerwünschten“ Ergebnissen in der Schublade verschwinden.

Aber selbst wenn wirklich ein Wille da ist, so ist es immer schwierig für soziale Projekte jedweder Art Geld zu bekommen. Ich habe viele Publikationen gesehen, von Projekten die öffentlich finanziert wurden. Die Ergebnisse waren gut, die praktischen Erfahrungen auch, doch dann lief die Förderung für das Projekt aus und irgendwann kam ein neues Projekt mit neuen Vorgaben, wo man praktisch dasselbe nochmal machte, nur mit einem anderen Paradigma. Ein Grund übrigens warum Menschen die in diesen Bereichen Arbeiten äußerst skeptisch sind, was den praktischen Nutzen der Forschung betrifft. Obwohl sie selbst gerne Unterstützung leisten wo es geht, sind sie doch aus Erfahrung gewohnt, dass die guten Vorsätze im Sande verlaufen. Das erinnert mich an eine Szene aus dem Film Soziologie ist Kampfsport über Pierre Bourdieu, wo ihn ein junger Mann anspricht und zu ihm sagt, sie hätten Sozialarbeiter angefordert und die Regierung hätte eine Polizeistation gebaut. Aber ich schweife etwas ab.

Zurück zur öffentlichen Präsenz der Soziologie. In der Tat ist es ja so, dass Soziologen äußerst selten in der Öffentlichkeit auftauchen. Obwohl in Bamberg mit dem nationalen Bildungspanel, ein großes empirisches Projekt läuft, das wirklich gemacht zu sein scheint, hört man doch nichts von Ergebnissen. Dabei ist die Liste der Projekte, die mit den Daten durchgeführt wurden und werden erfreulich lang. Die Wirtschaftswissenschaften sind da deutlich weiter, was die PR betrifft. Da werden Behauptungen rausgehauen was das Zeug hält. Dabei können die Kollegen noch weniger die Zukunft voraussehen, geschweige denn irgendwas erklären. Scheint sie aber wenig zu stören. Es gibt viele Lobbyorganisationen und sogar einen Rat der „Wirtschaftsweisen“. Der Name soll suggerieren, als wenn diese besondere Fähigkeiten haben. Ihre Vorschläge sind allerdings immer noch dieselben, welche schon in die Krise führten. Wenn wir morgen einen Rat der „Gesellschaftsweisen“ mit Soziologen besetzten, ich fürchte, da gäbe es höchstens Gelächter. Vielleicht auch zurecht.

Dabei hat die Soziologie, wie Prof. Bergmann schon richtig sagt, methodologisch und theoretisch viel zu bieten. Es fehlt vielleicht wirklich nur an den richten Leuten, die Erkenntnisse aus verschiedenen Spezialgebieten bündeln und diese einfach verständlich vermitteln können. Dass Soziologen auch zur Wirtschaft viel zu sagen haben, zeigen die Beiträge von Prof. Dr. Nina Baur, die über ihr Fachgebiet im Blog der DGS geschrieben hat. Die Vorteile, den Markt und die Wirtschaft eben auch als einen Raum zu sehen, in dem sich Menschen befinden, sind in ihren Beiträgen sofort offensichtlich. Die doch schon ansehnlich lange Liste der Autoren, zeigt auch die große Bandbreite der Soziologie auf. Sicher, das kann ein Nachteil sein, doch eben auch ein Vorteil, er müsste nur auch genutzt werden.

Ich sehe die Soziologie jedenfalls nicht als irrelevant an. Sie mag ein Marketing Problem haben, doch das sollte lösbar sein. Bei den Marketing Experten wird ja nicht nur bei der Psychologie geklaut sondern auch bei den Soziologen. Von daher sollte es jemanden geben der sich damit auskennt. Bloggen mag ein Anfang sein, vor allem führt dies zu mehr Inhalten im Internet und einer höheren Chance, dass diese auch in Suchergebnissen auftauchen und gelesen werden. Vielleicht ist so etwas ja schon im Aufbau und wir hören bald mehr. Denn wie Prof. Baur schon richtig sagt, Soziologie ist eine Krisenwissenschaft. Wann, wenn nicht jetzt, sollten gerade wir gefragt sein sie zu lösen, oder zumindest Lösungsangebote zu unterbreiten.

Ist die Soziologie noch relevant?

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