Institutionalisierung, Internationalisierung und die Auswirkungen auf den Lebenslauf Teil I

In dieser kleinen Serie wird auf den Staat und staatliche Institutionen als Hauptakteur im Lebensverlauf eingegangen. In jedem Teil wird ein anderer Aspekt behandelt und in der letzten Folge ein Fazit gezogen. Die gesamte Literaturliste wird dann mit dem letzten Artikel erscheinen.

Das Verhältnis von Institutionen und des Wohlfahrtsstaates auf den Lebenslauf ist ein wichtiges Feld der Lebenslaufforschung, aber ein, nach Mayer und Müller, bisher vernachlässigtes. Der Wohlfahrtsstaat und seine Institutionen sind so weit ausgebaut wie nie vorher und umfassen fast alle Lebensbereiche. Ob es die Krankenversorgung, Altersheime, die Arbeitslosenversicherung oder die Rentenversicherung ist, immer stehen Institutionen bereit und nehmen im Falle eines Leistungsbezuges Einfluss auf den Lebenslauf eines Menschen. Sie definieren dessen Status als Erwerbslos oder Erwerbstätig, Krank oder Gesund und strukturieren auf diese Weise das Leben der Menschen. Mayer und Müller gehen der Frage nach, wie der Staat und seine Sicherungssysteme die Individualisierung erst möglich gemacht haben und wie umfangreich die Einflussnahme der Wohlfahrtsinstitutionen auf den Lebensverlauf ist.

Die Staaten selbst werden auch wiederum von internationalen Institutionen beeinflusst. Gerade im Bereich Bildung versuchen sie die nationalstaatlichen Bildungssysteme zu verändern. Da Bildung eine wichtige Phase des Lebenslaufs ist, haben somit auch diese Organisationen einen Einfluss darauf. Wie sich das Anhand der OECD mit den PISA-Tests und der EU im Falle des Bologna-Prozesses darstellt, zeigen Martens und Weymann.

Lebensverläufe im Wohlfahrtstaat

Karl Ulrich Mayer und Walter Müller gehen der Frage nach, ob Lebensverläufe vermehrt uniformer und zeitlich geregelter werden, oder die zeitliche Ordnung eher abnimmt. Die Frage ist hier, wie und wodurch die Lebensverläufe geregelt werden und welche Strukturen sich herausbilden und wie man diese erklären kann (vgl. Mayer; Müller, 41f).

Die zentrale Rolle bei der Strukturierung des Lebensverlaufs wird dem Wohlfahrtsstaat zugeschrieben. Die Autoren untersuchen, wie sich dieser auf die Entwicklung der Lebensläufe ausgewirkt hat und weiterhin auswirkt. Dabei wird vor Allem auf die monetären Anreizsysteme, so wie die Rolle des Staats als Arbeitgeber und Umverteiler von Einkommen eingegangen (vgl. Mayer; Müller, 43f).

Unter der Struktur des Lebensverlaufs verstehen Mayer und Müller, dass der Lebensverlauf in verschiedene Abschnitte geteilt ist und „[…] daß diese verschiedenen Abschnitte in den meisten Fällen voneinander durch sozial bedeutsame Ereignisse und normativ definierte Übergangsprozesse geprägt werden“ (Mayer; Müller, 48).

Im Laufe der Entwicklung der Nationalstaaten kam es immer mehr zu einer Monopolisierung der Gewalt durch den Staat. Gleichzeitig wuchs der Einfluss auf immer größere Bereiche der Gesellschaft, wie Rechtswesen, Bildungswesen und Bereitstellung von Infrastruktur. Die Machtverteilung verlagerte sich durch den Einfluss des Staates von kollektiven Akteuren, wie Großfamilien oder dem Adel, auf das Individuum. Die soziale Sicherung wurde schließlich auch vom Staat übernommen, in Form der Sozialversicherung.

Mayer und Müller stellen die Entwicklung des Nationalstaates und des individuellen Lebenslauf nun in einen gemeinsamen Kontext der gesellschaftlichen Differenzierung.

Ursprünglich war der Haushalt die Einheit für die Produktion, die Erziehung, Bildung und die Berufsausübung. Mit der Auflösung dieser Einheit, durch die Arbeit in Betrieben und die Schulpflicht, entstanden funktional separierte Bereiche. Damit entstanden auch verschiedene soziale Rollen und eine Differenzierung, die man als Struktur des Lebensverlaufs bezeichnen kann (vgl. Mayer; Müller, 45f).

Die Bedingungen, unter denen diese Differenzierung entstehen konnte, wurden allerdings erst durch den Staat geschaffen. Die Gesetze waren und sind nicht mehr an kollektive Rechtsträger, wie Familienvorstände gerichtet, sondern an das Individuum. Ebenso werden die Löhne der Arbeiter direkt an diese ausgezahlt. Somit kann sich das Individuum von den Kollektiven lösen. Die Sozialversicherung wiederum garantiert die Unabhängigkeit des Individuums von der Familie. So ermöglichen diese Rahmenbedingungen erst die Individualisierung. Staatliche Entwicklung und Individualisierung mit der Entstehung von individuellen Lebensverläufen sind also zwei Prozesse die parallel verlaufen und sich wahrscheinlich gegenseitig verstärkt haben (vgl. Mayer / Müller, 46f).

Die Maßnahmen des Staates beziehen sich dabei aber immer nur punktuell auf bestimmte Phasen. Eine einheitliche, gezielte Politik des Lebensverlaufes gibt es nicht (vgl. Mayer / Müller, 48).

Von gesetzlichen Regelungen könnte man annehmen, dass sie hoch wirksam sind. Doch alleine für sich genommen erzielen sie nicht immer die erhoffte Wirkung. Beispielsweise konnte die Schulpflicht am Anfang nicht umgesetzt werden. Erst als weitere Maßnahmen getroffen wurden, unter anderem das Verbot der Kinderarbeit, wurden die Eltern dazu bewogen ihre Kinder in die Schule zu schicken, statt sie arbeiten zu lassen. Umgekehrt gibt es auch Bräuche, die später nur in Gesetze umgesetzt wurden. Beispielsweise die Einführung eines Rentenalters, dass in Frankreich schon länger Brauch war (vgl. Mayer / Müller, 49).

Diese Konzepte basieren vor allem auf dem Modell der Altersschichtung. Dies lässt vermuten, das es eine klare Altersstruktur gibt, in der die verschiedenen Altersgruppen innerhalb eines gemeinsamen Systems existieren. Beispielsweise dem Bildungs-, oder dem Rentensystem. Mayer und Müller stellen allerdings eine recht große Varianz in den Altersgruppen fest. So beträgt die Spannweite beim Verlassen des Bildungssystems zwischen 14 Jahren bei ungelernten Arbeitskräften und über 30 Jahren bei Akademikern. Ebenso beginnt die Rentenphase schon teilweise bei 55 Jahren. Hier produzieren also die sozialen Systeme selbst eine große Heterogenität in der Altersstruktur, obwohl sie bei oberflächlicher Betrachtung genau das Gegenteil bewirken sollten (vgl. Mayer / Müller, 50f).

Die sozialen Sicherungssysteme beeinflussen den Lebenslauf vor allem durch Standardisierung. Im Gegensatz zur vorindustriellen Gesellschaft, wo sich jeder nach seinen Fähigkeiten am Arbeitsprozess beteiligte und Alter und Krankheit nicht zwangsläufig zu einem vollständigen Austritt aus diesem Prozess führten, bieten die heutigen staatlichen Systeme nur allgemeine Alles oder Nichts Lösungen an. Sämtliche Risiken werden durch Transfer von Einkommen abgesichert. Dabei wird der Person ein formaler Status zugewiesen, mit dem gewisse Rechte und Pflichten verbunden sind. Mischzustände werden zumeist nicht berücksichtigt.

Durch die Bildung von Institutionen, die sich professionell um die Menschen kümmert verstärkt sich die Segmentierung nach dem Alter. Die sozialen Dienste, wie Altenheime, Jugendclubs, die Aufteilung der Schule in die verschiedenen Stufen, arbeiten bezogen auf das Alter und unterstützen dabei die Segmentierung des Lebenslaufs. Die Folge dieser Institutionalisierung ist der Entzug der Verfügungsgewalt durch die Menschen selbst. Die Lebensabschnitte, und deren Eintritt und Austritt, wird von den Institutionen selbst definiert (vgl. Mayer, Müller, 51ff)

Die starke Segmentierung der Abschnitte und Statuszuweisungen, die durch die Institutionen hergestellt wird, führt dazu, dass jede dieser Institutionen eigene Regeln festlegt und somit jeder Status, der einem Menschen zugewiesen wird, beispielsweise Arbeitsloser, eine eigene Handlungslogik besitzt. Dies führt wiederum zu einer kurzfristigen Ausrichtung des Verhaltens der Individuen.

Um diese These zu untermauern nutzen die Autoren das Konzept der substantiellen und funktionalen Realität von Karl Mannheim.

Funktionale Realität bedeutet, die Anpassung des Verhaltens an vorgegebene Ziele. Beispielsweise führen steuerliche Anreize für die Anschaffung bestimmter Dinge dazu, dass Menschen sich, unabhängig von ihrer bisherigen Planung diese kaufen.

Bei der substantiellen Rationalität werden die Mittel und Ziele selbst gewählt.

Bei der funktionalen Rationalität wäre der Verzicht auf die Nutzung der monetären Anreize in dem Fall nicht rational. Dies kann zu einer Schwächung der selbständigen Lebensplanung führen (vgl. Mayer, Müller, 53ff)

Neben solchen Anreizsystemen nimmt der Staat auch noch in sehr viel direkterer Weise auf den Lebensverlauf Einfluss. Nämlich mit Gehaltszahlungen an Angestellte des öffentlichen Dienstes, Transfereinkommensverteilung an Sozialhilfeempfänger, Rentner oder Studenten. Sie bilden die so genannte Versorgungsklasse. Dazu gehören aber auch Ärzte mit Patienten der gesetzlichen Krankenkassen und Menschen, die in Firmen arbeiten, welche Staatsaufträge ausführen.

Allerdings ist der Begriff Klasse problematisch. Er impliziert eine hohe Homogenität der Mitglieder, die aber nicht vorhanden ist. Während die Angestellten längere Zeit dieser Klasse angehören, befinden sich z.B. Arbeitslose und Studenten nur für eine gewisse Zeit darin. Den größten Einfluss hat diese Klasse wohl auf die Frauen, da der Staat einen großen Teil der qualifizierten Arbeitsplätze für diese bereitstellt (vgl. Mayer, Müller, 55ff)

Den Sozialstaat sehen Mayer und Müller als einen gate keeper, der die Ein- und Ausgänge der verschiedenen Lebensphasen, wie Arbeit, Arbeitslosigkeit oder Rente, regelt. Dadurch bekommen die Lebensverläufe eine Struktur. Mit Hilfe von Einkommenstransfers werden die Lebensverläufe stabilisiert. Er erhöht aber andererseits auch die individuellen Möglichkeiten durch diese Transfers. So trägt der Sozialstaat einerseits zur Integration aber auch zur Segmentation des Lebensverlaufes bei (vgl. Mayer, Müller, 57f).

Literatur:

Mayer, Karl U./ Müller W. (1989): Lebensverläufe im Wohlfahrtsstaat. In: Weymann, A. (Hrsg.), Handlungsspielräume. Untersuchungen zur Individualisierung und Institutionalisierung von Lebensläufen in der Moderne. Stuttgart, Enke, S. 41-60

Number of View :20115
Tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Institutionalisierung, Internationalisierung und die Auswirkungen auf den Lebenslauf Teil I

  1. Ina says:

    Sehr interessant, danke für diese tolle Reihe. lg Ina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.