Herwig Birg: Differentielle Reproduktion aus der Sicht der biographischen Theorie der Fertilität

Herwig Birg entwirft eine Theorie, in der die Biographie des Individuums und deren Verlauf die zentrale Rolle spielt. Dabei geht er davon aus, dass sich nicht die Geburtenhäufigkeit insgesamt ändert, sondern das Reproduktionsverhalten insgesamt, und dieses von der Gruppenzugehörigkeit und dem individuellen Lebenslauf beeinflusst werden. Es kommt zu einer „differentiellen Reproduktion“ (vgl. Birg, 192). Diese definiert er als die Bündel der Einflussfaktoren, die auf jedes Individuum einen unterschiedlichen Einfluss haben, wobei sich auch die Einflussfaktoren selbst noch individuell unterscheiden können (vgl. Birg, 195).

Birg geht von einer Variabilität in der Gesellschaft aus. Da generatives Verhalten individuelles Verhalten ist, muss es auf der Mikroebene analysiert werden. Gruppenorientierung in den Wertvorstellungen treten in den Hintergrund und werden von individuellen Werten ersetzt. Daher sieht er keine Erklärungsfähigkeit von Forschungsansätzen, die von einer gleich bleibenden Wirkung der Einflussfaktoren auf alle Menschen ausgehen (vgl. Birg, 196f).

Der Lebenslauf Ansatz von Birg geht von permanenten Wahlakten des Menschen aus. Er lehnt sich dabei an die Rational Choise Theorie in der Mikroökonomie an, erweitert sie aber dahingehend, dass das Individuum die möglichen Alternativen nicht selbst wählt, sondern diese das Ergebnis vorheriger Entscheidungen und externen Einflüssen und Vorgaben sind. Je mehr sich das Individuum dieses Zusammenhangs bewusst ist, desto mehr hat dies einen Einfluss auf zukünftige Entscheidungen. Damit ist eine Entscheidung für, oder gegen ein Kind, eine Entscheidung für, oder gegen einen Lebenslauf (vgl. Birg, 198f).

Folgende Begriffe verwendet Birg in seiner Theorie. Biographische Elemente, nennt er Abschnitte und Phasen eines Lebenslaufes, in die dieser unterteilt werden kann. Die geordnete Folge dieser Elemente nennt er biographische Sequenz. Diese kann wiederum in die Subsequenzen der Erwerbsbiographie, der Psychobiographie, der Sozialisationsbiographie, der Familienbiographie und in die Migrationsbiographie unterteilt werden. Die abstrakte Gesamtheit aller biographischen Elemente und deren mathematisch modellierbaren Sequenzen ist das biographische Universum. Die Abstrakte Menge dieser Sequenzen wird wiederum als biographischer Möglichkeitsraum bezeichnet. Alle für das Individuum handlungsrelevanten Sequenzen, beschreiben die virtuelle Biographie. Die faktische Biographie, ist der vom Individuum realisierte Lebenslauf.

Birg Fragt sich dabei, wovon die Zahl der handlungsrelevanten biographischen Grundelemente abhängt, wie das Individuum seine virtuelle Biographie aus dem biographischen Universum und seine faktische Biographie aus der virtuellen selektiert, welche Folgen eine Verkleinerung oder Vergrößerung des biographischen Universums auf den Lebenslauf hat und welche Zusammenhänge zwischen den biographischen Subsequenzen besteht (vgl. Birg, 200ff).

Die Grundhypothesen lauten: Die Größe des biographischen Universums nimmt durch die zunehmende Individualisierung permanent zu. Je größer dieses biographische Universum ist, desto mehr Alternativen fallen bei einer Festlegung weg. Dadurch steigt das Risiko einer biographischen Festlegung. In Gesellschaften, die auf dem Konkurrenzprinzip basieren, ist das Risiko einer Festlegung in der Familienbiographie größer als in der Erwerbsbiographie. Dieses Risiko lässt sich, im Gegensatz zur Erwerbsbiographie, durch Partner bzw. Kinderlosigkeit vermeiden. Daraus schließt Birg, dass die Wahrscheinlichkeit demographisch relevanter Festlegungen durch Kindgeburten weiter abnimmt. Bei einem Übermaß an biographischer Freiheit wird die Entscheidung für ein Kind instrumentell zur Senkung der eigenen Unsicherheit genutzt (vgl. Birg, 203f).

Durch die Entwicklungen in den Industrienationen mit Individualisierung, Spezialisierung und steigenden Frauenerwerbsquoten, stiegen die biographischen Möglichkeiten stark an und damit auch das Entscheidungsrisiko. Vermeidbare, oder aufschiebbare Festlegungen werden zugunsten der nicht aufschiebbaren Erwerbsbiographie aufgeschoben oder nie getroffen (vgl. Birg, 204ff).

Die Hauptergebnisse der empirischen Überprüfung sind unter anderem, dass eine niedrige Geburtenrate vor allem bei Frauen mit einem hohen Ausbildungsabschluss in größeren Städten mit einem entsprechenden Angebot an beruflichen und kulturellen Lebensmöglichkeiten vorkommt, während eine höhere Geburtenrate vor allem bei Frauen mit niedrigem Ausbildungsabschluss in kleineren abgelegenen Orten zu finden ist (vgl. Birg, 209ff).

Johannes Kopp sieht den entscheidenden Nachteil an der Theorie von Birg, dass die Handlungsmotive im unklar bleiben. Die Theorie erklärt nicht, wie zwischen den Lebensentwürfen entschieden wird Ebenso wird ein über alle Individuen gleich starker Kinderwunsch unterstellt (Kopp, 84f).

Obwohl Birg die Einflüsse von außen als, unterschiedlich stark auf die jeweiligen Individuen einwirkenden Größen annimmt, bleiben die inneren Präferenzen ungeachtet. Die Frage ist dabei, wenn Kinder nur als Kosten und Einschränkung angesehen werden, warum entscheidet sich dann noch jemand für ein Kind? Die instrumentelle Nutzung als Einschränkung von biographischer Freiheit und Senkung der eigenen Unsicherheit mag zwar vorkommen, ist aber sicherlich nicht der Hauptgrund der Mehrheit. Zudem werden die Einflüsse innerhalb einer Beziehung außer Acht gelassen. Dies hat aber auch einen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen Kinder. Hier könnte man die zu starke Frauenfixierung kritisieren.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die serielle Konstruktion seines Biographiebegriffes. Wie man an Tabelle 2 (Seite 210) erkennen kann, sind die Lebensphasen nie gleichzeitig. Auffällig ist die vollkommene Abwesenheit von Männern bei den Lebensläufen mit Familienphase. Das kann nur bedeuten, dass Birg eine Familienphase als vollständige Aufgabe des Berufes definiert. Dies ist aber nicht unbedingt realistisch, da mit steigenden Betreuungsangeboten für Kinder, auch die Unterbrechung des Berufs nicht mehr allzu lange dauern muss. Unklar ist auch, wann ein Kind alt genug ist, dass die Familienphase beendet werden kann.

Insgesamt gesehen bietet die Theorie einige gute Ansätze, doch bietet sie zu wenige Erklärungsansätze. Mit den beschriebenen Mängeln bietet sie meiner Einschätzung nach nicht genügend Erklärungen an um die Realität genau genug abzubilden. Gerade auch die Frage nach dem Grund warum sich jemand, trotz der Umstände für Kinder ist sehr wichtig. Gerade auch, wenn man eine Handlungsanleitung für die Bevölkerungspolitik ableiten möchte. Ansonsten könnte man nur sagen, man müsste die biographischen Möglichkeiten für Frauen wieder stark einschränken und schon würden mehr Kinder geboren werden. Das ist natürlich unrealistisch und auch nicht gerade sinnvoll.


Literatur

Birg, H.: Differentielle Reproduktion aus Sicht der biographischen Theorie. In: Voland, E. [Hrsg.]: Fortpflanzung: natur und Kultur im Wechselspiel. Suhrkamp, Frankfurt/M, 1992. S. 189-21.

Kopp, J.: Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten – Theoretische Modellierungen und empirische Erklärungsansätze. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 2002.

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