Forschung: Theoretisches Modell vom Übergang zum Zweiten Bildungsweg

Basierend auf diesem Eintrag zu Werterwartungstheorie.

Zunächst eine kurze Definition zum Zweiten Bildungsweg (ZBW). Darunter verstehe ich den Besuch eines Abendgymnasiums oder eines Kollegs, mit dem Ziel das Abitur zu erreichen. Es ist also keine berufliche Weiterbildung, sondern nur das Nachholen eines allgemeinbildenden Schulabschlusses, in dem Fall das Abitur.

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Abbildung 1: Einflussfaktoren (Angelehnt an Becker 2000, 462 Abbildung 2)

In Abbildung 1 ist das theoretische Modell dargestellt. Am Anfang steht die Klassenlage, deren Einfluss sich über den primären und sekundären Herkunftseffekt durch alle Stationen hindurch bemerkbar macht. Die Klassenlage wird durch den beruflichen Status und den Bildungsgrad der Eltern festgelegt. Der daraus resultierende Abschluss auf dem EBW hat Auswirkungen auf den möglichen Beruf. Die Zufriedenheit und Erwartungen an diesen Beruf beeinflusst die Neigung den Beruf zu wechseln. Für den Übergang zum ZBW spielen dann wieder die sekundären Herkunftseffekte eine Rolle. Je nachdem, wie der Nutzen der Bildung, die Erfolgswahrscheinlichkeit, die Kosten und der mögliche Statusgewinn (Schichtspezifisch) eingeschätzt werden, variiert die Übergangswahrscheinlichkeit auf den ZBW. Des Weiteren die Überlegungen im Detail.

Für den Übergang in den ZBW ist eine andere Konstellation gegeben. Zunächst ist auf der Institutionellen Ebene kein direkter Einfluss durch eine Empfehlung wie in der Grundschule gegeben. Jedoch haben die Kandidaten ja den EBW durchlaufen, sind also davon geprägt. Die Erfahrungen im EBW spielen bei der Einschätzung der Erfolgserwartung eine Rolle. Im Gegensatz zum Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe ist man auf dieser Grundlage viel besser in der Lage seine schulische Leistungsfähigkeit einzuschätzen.

Ein zweiter Einfluss des Bildungssystems sind die Möglichkeiten, die für die Erreichung des Zieles, die Erlangung des Abiturs, angeboten werden. In diesem Fall entweder ein Abendgymnasium oder ein Kolleg. Beides hat unterschiedliche Folgen. Während man auf dem Abendgymnasium seinem Beruf noch weiter nachgehen kann, zwingt das Kolleg zur Aufgabe der Berufstätigkeit. Einerseits wird so auf dem Abendgymnasium das Risiko, bei einem Scheitern des Vorhabens sich erst wieder einen Arbeitsplatz suchen zu müssen, minimiert. Gleichzeitig ist aber die Belastung höher, was wiederum das Risiko des Scheiterns erhöht. Dies gilt natürlich auch bei einem erfolgreichen Abschluss des ZBW, falls entschieden wird, doch wieder in den alten Beruf zurück zu kehren.

Es ist also anzunehmen, dass diejenigen, die eine höhere Erfolgserwartung haben, also Mitglieder der Mittelschichten (aufgrund der primären und sekundären Herkunftseffekte), oder generell Kandidaten mit besseren Noten auf dem EBW, häufiger an Kollegs zu finden sind, während die unteren Schichten eher zum Abendgymnasium neigen, da hier das Risiko, das mit einem Scheitern verbunden ist geringer ist.

Auf individueller Ebene ist anzunehmen, dass ein erfolgter Statusverlust und ein niedrigerer erreichter Bildungsgrad im Vergleich zu den Eltern eine Rolle spielt. Der ZBW würde also dazu dienen, die Kosten, die der Abstieg im EBW verursachte, durch den Nutzen, den der nachgeholte Aufstieg bzw. Ausgleich auszugleichen. Daraus resultiert eine höhere Bildungsmotivation. Bei Personen, die auf dem EBW den Status ihrer Eltern erreicht, oder übertroffen haben, ist eine weniger ausgeprägte Bildungsmotivation anzunehmen, da hier subjektiv den Kosten kein so großer Nutzen zugeordnet wird. Statt dem erwarteten Statusverlust, wie beim EBW, spielt hier also der erwartet Statusgewinn bzw. Statusausgleich im Vergleich zu den Eltern eine Rolle.

Die Voraussetzung für den ZBW, eine Berufsausbildung absolviert zu haben, führt zu einem weiteren Faktor, der Zufriedenheit mit dem Beruf. Der ZBW führt früher oder später zu einer Aufgabe des Berufes. Da dies mit sehr hohen Einkommensverlusten verbunden ist und eine längere Abwesenheit, wie es ein Studium bedingen würde, die Chancen einer problemlosen Rückkehr verringert, kann man davon ausgehen, dass diejenigen, die unzufrieden mit ihrem Beruf sind, sich eher für den ZBW entscheiden, als diejenigen, die damit zufrieden sind. Hier ist davon auszugehen, dass der Nutzen weit höher bewertet wird als die Kosten, die mit einem Berufswechsel über den ZBW verbunden sind.

Die soziale Transmission sollte also theoretisch durch die genannten Einflussfaktoren weiterhin wirksam sein und einen Angleich der Schulabschlüsse an den Bildungsstatus der Eltern fördern, auch wenn diese, anders als beim Übergang im Ersten Bildungsweg, keinen direkten Einfluss mehr haben. Die Transmission erfolgt also, wenn sie noch wirkt, nicht mehr durch eine Entscheidung des Schulsystems und der Eltern, sondern indirekt über die primären und sekundären Herkunftseffekte, die auf die Entscheidung des Individuums wirken.

Thesen:

1.Wer unzufrieden mit seiner Berufswahl ist, bzw. seinen Wunschberuf nicht erreicht hat, wird eher den Zweiten Bildungsweg wählen.

2.Wer auf dem Ersten Bildungsweg nicht das Bildungsniveau der Eltern erreicht hat wird eher den Zweiten Bildungsweg gehen, als jemand der dieses erreicht oder übertroffen hat.

3.Wer schon auf dem EBW gute Noten hatte, wird eher bereit sein das Abitur nachzuholen, da er seine Erfolgsaussichten besser bewertet, als wenn diese Leistungen schlecht waren.

4.Die primären und sekundären Herkunftseffekte müssten zu einer Überrepräsentation der Mittelschicht führen.

5.Die Sozialstruktur von Abendgymnasien und Kollegs müsste sich unterscheiden, wobei der Anteil der unteren Schichten beim Abendgymnasium höher ausfallen dürfte.

Literatur:

• Becker, Rolf: Klassenlage und Bildungsentscheidungen – Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 3, 2000, S. 450-474.
• Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In: Becker Rolf [Hrsg.]: Lehrbuch der Bildungssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden, 2009, S. 85 – 130.
• Dahrendorf, Ralf: Die vier Bildungswege der modernen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung des Zweiten Bildungsweges in den hochindustrialisierten Gesellschaften des Westens. In Dahrendorf, Ralf; Ortlieb, H-D.[Hrsg.]: Der Zweite Bildungsweg im sozialen und kulturellen Leben der Gegenwart. Quelle & Meyer, Heidelberg, 1959. S. 37 -68.
• Esser, Hartmut: Soziologie: spezielle Grundlagen – Band 1: Situationslogik und Handeln. Campus Verlag, Frankfurt/Main; New York, 1999.

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