Forschen aber wie? Teil 1: Die Themenfindung und Fragestellung

Ich hatte ja vor einiger Zeit schon angekündigt, eine Serie zum Thema Konzeption eines Forschungsvorhabens oder einer Hausarbeit zu starten. Ich habe diesen Beitrag  im Soziologieforum mal als Anlass für eine erste Folge genommen. Im Folgenden werde ich den Beitrag als Beispiel nehmen, jeweils zitieren und dazu meine Vermutungen über die Probleme und deren mögliche Lösungen präsentieren. Die Tipps in dieser Serie orientieren sich an praktischen Problemen bei der Themenfindung und Durchführung eines Forschungsvorhabens. Wobei der Fokus auf universitäre Forschung liegt. Es soll also vor allem Studierenden eine Orientierung geboten werden, die, meiner Beobachtung nach, vielfach fehlt. Vielleicht findet sich auch für das universitäre Lehrpersonal die eine oder andere Inspiration, ihren Unterricht zu verbessern. Andererseits bin ich immer offen für Verbesserungsvorschläge meiner Ansichten zu dem Thema.

Allgemein gilt für Studenten: Erst den Dozenten, die Dozentin fragen. Was wird erwartet und wie umfangreich soll die Arbeit werden. Hausarbeiten sind ja meist eher ausgedehntere Zusammenfassungen des Forschungsstandes mit eigenen Ergänzungen. Mir geht es um das grundlegende Verständnis für das Vorgehen und die Einstellung die man mitbringen, oder sich aneignen sollte. Die Ausführungen mögen dabei vielleicht manchmal etwas zu idealistisch sein, vielleicht erwarte ich zu viel, aber Idealbilder bieten ja ganz gute Orientierung. Der Forumsbeitrag bietet hier mehrere gute Ansätze für Fehler die gemacht werden können.

„Man besucht ein Seminar, wird in irgendein Thema gedrängt, hält ein Referat und soll dann noch 25 Seiten Hausarbeit in dem Themenbereich schreiben.“

Diese Aussage beinhaltet ein grundsätzliches Problem. Nicht alle Veranstaltungen interessieren einen wirklich. Manche muss man einfach machen, da es Pflichtveranstaltungen sind. Was ich daran nicht so ganz verstehe, ist das trotz eines gehaltenen Referats kein Thema für die dazu passende Hausarbeit gefunden wurde. Man sollte sich ja schon für den Vortrag halbwegs eingelesen haben und sei es erstmal nur eine Einführung in das Thema.

„Mein Thema nun war der Transnationale Terrorismus… aber was stellt man da für eine Frage?
Es scheint mir alles viel zu oberflächlich. Transnationaler Terror als Beweis für die Weltgesellschaft/Weltrisikogesellschaft?
Ich weiß einfach nicht…“

Hier haben wir nun das nächste grundlegende Problem. Die Frage „[…]aber was stellt man da für eine Frage?“ ist schon die falsche Frage. Selbst wenn das Seminarthema nicht so interessant erscheinen mag, so sollte doch ein gewisses Grundinteresse an Themen sein, die im jeweiligen Fach vorkommen. Der Vorteil in den Sozialwissenschaften, so finde ich jedenfalls, ist die große Spannweite der Themen, die man auch miteinander verbinden kann. Das erschwert zwar teilweise die Themenfindung, bietet aber am Ende eigentlich immer die Möglichkeit seine eigenen Interessen mit einzubringen.

Aber zurück zu der Frage. Die eigentliche Frage müsste lauten: Was stelle ich für eine Frage? Die Feststellung, dass alles viel zu oberflächlich sei, ist auch etwas oberflächlich. Die meisten Dinge sind komplexer als sie auf den ersten Blick aussehen. Man könnte beispielsweise einfach mal ein paar Fragen aufschreiben und genauer darüber nachdenken, was das denn alles bedeutet, wovon die Antwort abhängen könnte und schon sieht man, dass man es mit einem hoch komplexen Themengebiet zu tun hat, und die Fragestellung alles andere als oberflächlich ist.

Lange Rede kurzer Sinn. Die erste Frage, die man sich stellen muss, ist, was interessiert mich am Thema, was würde ich gerne wissen. Nur durch diese neugierige Haltung kann man zu interessanten Fragestellungen und auch Lösungen kommen. Ob das Thema nun empirisch oder eher theoretisch bearbeitet wird, ist erst einmal zweitranging. Bei einer Hausarbeit von 20-30 Seiten kann man auch keine Wunder vollbringen. Da reicht auch eine sehr enge Fragestellung aus, die nur einen Teilaspekt abdeckt. Es geht ja, meiner Meinung nach, darum, dass die Studierenden einen gewissen Überblick über ein Thema bekommen und ein kleines Teilgebiet etwas vertiefender kennen lernen. Dasselbe gilt auch für eine freie Themenwahl.

„Ihr sollt mir hier nicht die Arbeit erledigen, aber Stichworte, oder wenn jemand vielleicht um sowas wie eine Forschungslücke wüsste, wären schon eine große Hilfe“

Eine Forschungslücke, wie in diesem Zitat erbeten, ist für eine Hausarbeit oder Referatsausarbeitung eindeutig zu viel. Selbst bei einer Masterarbeit wird sowas nicht unbedingt vorausgesetzt. Sowas ist eher ein Fall für eine Dissertation. Also die Ansprüche auf ein realistisches Maß zurück schrauben. Das erleichtert auch die Planung. Mir scheint, da stehen sich manche selbst im Weg und wollen schon bei einer Hausarbeit einen wissenschaftlichen Durchbruch erzielen.

Zum Schluss einmal eine zusammenfassende Liste, der Fragen die man sich bei der Themenfindung stellen sollte. Wer noch weitere Vorschläge, konstruktive Kritik, Ergänzungen usw. hat, kann sie gerne in den Kommentaren los werden.

  1. Was interessiert mich am Thema? (Ist das Thema vielleicht mit einem anderen mich interessierenden Thema verknüpfbar)
  2. Was will ich gerne wissen?
  3. Welcher Umfang der Fragestellung ist für die jeweilige Situation angemessen?
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2 Responses to Forschen aber wie? Teil 1: Die Themenfindung und Fragestellung

  1. Die Wiederkehr des Verdrängten says:

    Von einer Hausarbeit kann man zwar keine bahnbrechenden Erkenntnisse verlangen, dennoch sollte dort mehr geleistet werden, als ellenlange Paraphrase des allseits bekannten Sermons ohne substanzielle Generalisierungs- und Vernetzungsleistung. Fehlen letztere handelt es sich eindeutig nicht um wiss. Leistungen, auch wenn ich mit bedauern feststellen musste, dass sich manche mit dieser Schreibtaktik erfolgreich ihre Abschlussarbeiten erschlichen haben, die dann oft auch noch sehr gut bewertet wurden.

    HAs sind wiss. Kleinforschung und stellen als solche eine Vorstufe dar, zu echten Veröffentlichung in Zeitschriften usw. Dazu gehört m E. auch, dass eine kleinräumige, aber offene Forschungsfrage beantwortet wird (derer gibt es keinen Mangel, denn man kann sie sich am laufenden Band selber ausdenken). Kleinräumig bezieht sich dabei auf den Umfang des Forschungsobjekts So könnte man etwa eine einzelne Publikation eines Referenzautors einfach mal auf einen bestimmten Aspekt hin untersuchen, etwa in der Art: Argumentationstypen in Müllers Artikel „Der transnationale Terrorismus“. Usw. dann kann man durchaus neue, wenn auch nur begrenzt geltende Erkentnisse herausarbeiten ohne sich umfangsmäßig völlig zu übernehmen.

    • Soziobloge says:

      Gut, wir haben wohl dasselbe gemeint, aber meine Formulierung kam etwas anders an als von mir gewünscht. Unter einer Forschungslücke verstehe ich dann schon etwas, wo man doch mehr machen müsste als es in einer Hausarbeit möglich ist. Vielleicht sollte man hier einen anderen Begriff nehmen. Ich würde mal spontan „Argumentationslücke“ vorschlagen, das würde zu der Textanalyse passen, die du vorschlägst.

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