Die Werterwartungstheorie zur Erklärung von Bildungsungleichheiten

Die Werterwartungstheorie auf Grundlage der Überlegungen von Esser und Boudon (Esser 1999; Boudon 1974). Soll die soziale Ungleichheit im Bildungssystem erklären.

Esser geht in seinem Grundmodell davon aus, dass die Eltern der Kinder zwei Entscheidungsmöglichkeiten haben. Entweder sie schicken ihre Kinder auf die Hauptschule, oder auf eine weiterführende Schule. Diese Entscheidung hat Folgen und zwar im Sinne von Kosten und Nutzen. Zu den Kosten zählt er einen eventuellen Statusverlust im Vergleich zu den Eltern, sowie in Entgangenem Einkommen bei früherem Eintritt in den Beruf. Der Nutzen, wäre der Zugang zu einem bestimmten Beruf (vgl. Esser, 266f).

In einem weiteren Schritt geht er davon aus, dass die Kosten und der Wert der Bildung für alle Klassen gleich sind. Der Statusverlust und die damit verbunden Kosten betrifft aber nur die Mittel- und Oberschicht. Die Unterschicht benötigt demnach für einen Statuserhalt keine, bzw. weniger Bildung, während dies für die anderen Schichten nicht der Fall ist. Esser führt hier das Beispiel einer Arztpraxis an, die vom Kind nur durch ein Medizinstudium übernommen werden kann. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit eines Bildungserfolges für die höheren Schichten besser, da sie sich im System besser auskennen und Schwierigkeiten besser ausgleichen können (vgl. Esser, 268f). Der langfristige Einfluss der Schichtzugehörigkeit über bessere Förderung in den höheren Schichten, die einen Einfluss auf die schulischen Leistungen und Lernmotivationen der Kinder haben, bezeichnet Boudon als primären Herkunftseffekt (vgl. Becker 2009, 106).

Daraus folgt, dass die unteren Schichten eine geringere Bildungsmotivation haben. Für die unteren Schichten besteht der Ertrag der Bildung nur aus dem Ertrag der Bildung selbst, während für die höheren Schichten zudem den Ertrag des Statuserhaltes haben, da ein Verzicht auf Bildung hier einen sicheren Statusverlust bedeuten würde. Zudem ist das Risiko des Scheiterns, also das Investitionsrisiko, bei den unteren Schichten höher (Esser, 269ff). Diese Schichtunterschiede in der Bewertung der Chancen und Risiken, bzw. Kosten und Nutzen, einer Bildungsentscheidung wird von Boudon als sekundärer Herkunftseffekt bezeichnet (vgl. Becker 2009, 107).

Becker führt als Ergänzung zu diesem Modell noch den Einfluss des Bildungssystems selbst ein. Er berücksichtigt dabei das Bildungsangebot und die damit möglichen Schullaufbahnen, sowie die Leistung des Schülers. Letzteres ist in der Zeit veränderlich und ist daher mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Die Bildungsentscheidung wird hier als eine Entscheidung angesehen, die unter Unsicherheit getroffen werden muss. Die Folgen der Handlungen sind nicht sofort sichtbar, sondern ergeben sich erst im Laufe der Zeit. So können beispielsweise schlechte Noten erst in höheren Klassen der Sekundarstufe auftreten (vgl. Becker 2000, 256f).

Literatur:

• Becker, Rolf: Klassenlage und Bildungsentscheidungen – Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 3, 2000, S. 450-474.
• Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In: Becker Rolf [Hrsg.]: Lehrbuch der Bildungssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden, 2009, S. 85 – 130.
• Esser, Hartmut: Soziologie: spezielle Grundlagen – Band 1: Situationslogik und Handeln. Campus Verlag, Frankfurt/Main; New York, 1999.

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