Buchtipp: Pierre Bourdieu – Gegenfeuer

Pierre Bourdieu war ein Soziologe der nicht nur die Gesellschaft analysierte, sondern sie auch gestalten wollte.  Wie schon im Film „Soziologie ist ein Kampfsport“, zeigt dieses Buch einen streitenden Bourdieu, der versucht gegen die „konservative Revolution“ anzukämpfen und die Mechanismen die hinter dem Siegeszug des Neoliberalismus stehen deutlich zu machen und Auswege aufzuzeigen.

Das Buch besteht aus Reden, Zeitungsartikeln und anderen Veröffentlichungen, die einnen Überblick über das Wirken von Bourdieu geben. Viele Themen werden angeschnitten, so zeigt er die Mechanismen der Prekarisierung der Arbeitslosen, die damit jedem Antrieb beraubt werden, an  den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern ebenso, wie die Irrtümer der Wirtschaftswissenschaft, die von der Politik dankbar übernommen und zu ihrem Zweck genutzt werden.

In fast jedem Beitrag ruft er zu einem sozialen Europa auf, als Gegengewicht zum Europa des Marktes. Dafür fordert er eine Internationalisierung von Gewerkschaften und Beteiligung von Wissenschaftlern. Was würde er wohl zu den Hetzkampagnen gegen Griechenland und andere „Pleitekandidaten“ auf dem Höhepunkt er Eurokrise gesagt haben? Ich musste direkt daran denken. Statt internationaler Solidarität gab es nur Ablehnung und Besserwisserei.

Bourdieu verlangt viel, aber er weiß auch, dass dies die einzige Chance ist. Der Gegner ist global aufgestellt und die soziale Bewegung ist gespalten und Länder werden einfach gegeneinander ausgespielt. Globalisierung ist kein Schicksal. Sie wurde von Politikern erst ermöglicht und sie kann auch von Politikern in die Schranken verwiesen werden. Dazu braucht es allerdings Druck von unten und Leuten, die die Interessen der abgehängten Massen vertreten. Dazu sollten, unter anderen, Wissenschaftler berufen werden. Ob die soziale Kluft zwischen Arbeiten und Akademikern so einfach überwunden werden kann bezweifle ich. Bourdieu war eine Ausnahme, da er selbst aus einfachen Verhältnissen kommt. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die aus einer höheren gesellschaftlichen Position mit meist wenig Ahnung, noch viel Verständnis für die Situation der Schichten unter ihnen haben.

Für alle die Pierre Bourdieu und seine politischen Aktivitäten etwas näher kennen lernen möchten ist das Buch auf jeden Fall zu empfehlen. Ebenso für Menschen, die sich für Politik interessieren. Es erstaunte mich immer wieder, wie aktuell doch die Texte immer noch sind. Auch wenn sie teilweise noch aus den 90ern stammen, so könnte man sie heute vortragen und niemand würde es merken. Das Buch zeigt einen streitenden Bourdieu, der sich als Soziologe, der die Gesellschaft analysiert und die verborgenen Mechanismen aufdecken kann, in der Pflicht, eben auch etwas zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen. Und das ist vielleicht auch DIE Frage. Soll man als Soziologe nur beobachten und beschreiben, oder auch dazu beitragen, dass die Gesellschaft sich verbessern kann? Und wie verträgt sich dies mit der neutralen Einstellung des Wissenschaftlers?

Zum Schluss noch ein Zitat, dass vielleicht einen Grund liefert, sich zu engagieren, obwohl man nicht wirklich daran glaubt, etwas verändern zu können. „Und wenn ich mich, um etwas zu bewirken, manchmal persönlich […] engagiert habe, geschah das immer in der Hoffnung, daß, selbst wenn dadurch auch keine Mobilmachung […] auszulösen ist, […], dann doch wenigstens der Anschein von Einstimmigkeit durchbrochen wird, der das wesentliche Element der symbolischen Stärke des herrschenden Diskurses ausmacht“ (Bourdieu, 2004, S. 22).

Bourdieu, Pierre 2004: Gegenfeuer. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH

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