Boudon und die Herkunftseffekte

Auf der Theorie von Keller und Zavalloni aufbauend, formuliert Boudon seine Theorie der primären und sekundären Effekte der sozialen Herkunft.

Boudon sieht die Schichtung der Gesellschaft als Ursache und Folge von Unterschieden zwischen den Menschen. Je niedriger der soziale Status, desto weniger kultureller Hintergrund und weniger Erfolg im Bildungswesen und weniger ökonomisches Kapital. Entsprechend besser ausgestattet sind die Menschen je höher ihr sozialer Status ist. Dieses Phänomen beschreibt Boudon mit dem Begriff der primären Effekte der sozialen Schichtung. Diese führen direkt, durch die besseren Möglichkeiten das Kind in der Schule zu unterstützen, zu besseren Leistungen (vgl. Boudon 1974, 29).

Die sekundären Effekte sind eher latente Einstellungen und Risikobewertungen und wirken sich auch noch aus, wenn die primären Effekte keinen Einfluss hatten. Hier spielt auch die von Keller und Zavalloni eingeführte relative Entfernung zu Zielen eine Rolle. An einem Übergang, an dem man sich entscheiden kann, die Schule zu verlassen oder eine weiterführende Schule zu besuchen, kann die Entscheidung je nach sozialem Hintergrund verschieden ausfallen. Jemand aus der Unterschicht könnte sich für ein Verlassen der Schule entscheiden, ohne einen Statusverlust zu erleiden. Es könnte sogar schon ein sozialer Aufstieg erfolgt sein, beispielsweise, wenn die Eltern nur eine Volksschule besucht haben und Arbeiter sind, während das Kind nun auf der Realschule einen höher angesehenere Stelle als Angestellter in einem Büro in Aussicht hat. Für jemanden aus den höheren Schichten dagegen, bedeutet ein frühzeitiges Verlassen der Schule meist eine hohe Wahrscheinlichkeit des sozialen Abstiegs gegenüber der Elterngeneration. Der Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Familie in diesen Fällen meist noch Einfluss ausübt. Ebenso das soziale Umfeld wie Freunde, die auch die Schule verlassen.

Boudon nimmt dabei an, dass die Kosten für eine Entscheidung je nach Schicht variieren und dabei monetär wie auch sozial sein können. Für einen Jugendlichen aus den unteren Schichten bedeutet eine längere Schullaufbahn hohe monetäre Kosten durch entgangenes Einkommen, aber auch soziale Kosten, da seine Freunde wahrscheinlich eher die Schule verlassen werden und sich so der soziale Abstand zu ihnen vergrößert. Für die oberen Schichten gilt das Gegenteil, das Verlassen der Schule ist durch den sozialen Abstieg und niedriger bezahlte Arbeitsstellen mit hohen monetären und sozialen Kosten verbunden.

Somit würde selbst bei gleichen Startvoraussetzungen doch eine nach der sozialen Schichtung unterschiedliche Verteilung der erreichten Abschlüsse auftreten.

Die primären Effekte legen also den Startpunkt nach der sozialen Lage fest. Also den relativen Abstand zu bestimmten Zielen. Die sekundären Effekte spielen bei den Übergängen im Ausbildungsverlauf eine Rolle, was die Ambition ein bestimmtes Ziel zu erreichen widerspiegelt (vgl. Boudon 1974, 29f). Dabei wird angenommen, dass die Menschen sich ökonomisch rational verhalten. Dieses Verhalten findet in den Grenzen eines Systems statt, das durch den sozialen Hintergrund bestimmt wird (vgl. Boudon 1974, 36).

Demnach lässt sich eine Unterteilung der Gesellschaft nicht verhindern. Selbst wenn man für alle die gleichen Startvoraussetzungen anbieten würde, so würden sich an den Übergängen im Bildungssystem doch wieder Unterschiede herauskristallisieren, die nicht auf Leistung, sondern auf den sekundären Effekten der Sozialen Schichtung beruhen.

  • Boudon, Raymond 1974: Education, Opportunity, and Social Inequality – Changing Prospects in Western Society. New York: John Wiley & Sons.
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